170 Zweiter Teil. Handel. VII. Der Betrieb des Handels.
(im volkswirtschaftlichen Sinne) verkleinert, so wird vom privatwirtschaftlichen Stand
punkt aus das Kreditrisiko um so größer, je weiter der Schuldner zeitlich und örtlich
in die Ferne rückt; mit anderen Worten: Das Kreditrisiko wird — Aus
nahmen abgerechnet — größer beim direkten Verkauf, insbeson
dere auch deshalb, weil dadurch auch die Organisation zum
Schutze des Kredits, der Überwachungsdien st, die Kontrolle
und die bezüglichen Erfahrungen des bisherigen nun aus
geschalteten Käufers in Wegfall kommen.
"3. Das Wechselkursrisiko. Gehören Käufer und Verkäufer verschie
denen Ländern an, von denen jedes ein eigenes Münzfystem oder bei einheitlichem
Münzfuß eine eigene Zahlungsbilanz hat, so entsteht eine Geldumrechnung bezw.
eine Reduktion des Kaufpreises nach dem Wechselkurs. Dieser ist Schwankungen
unterworfen. Sie haben sich allerdings seit Konsolidierung der Goldwährung als
Weltwährung bedeutend verkleinert, können aber zwischen Ländern mit Gold
währung immer noch 1—2 % betragen. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei
Ländern mit Silber- oder Papierwährung, wo die Schwankungen sehr groß werden
können. Daß durch Ausschaltung der Zwischenglieder das Kursrisiko nicht ausge
schaltet werden kann, ist klar; es wird nur auf andere Glieder verschoben, muß somit
von dem Glied übernommen werden, das an die Stelle desjenigen tritt, das bisher
dieses Risiko getragen hat. Wir können somit sagen: Durch den direkten
Kauf bezw. Verkauf erwächst dem Betreffenden das Kurs
risiko, das bisher das in Anspruch genommene Zwischenglied
getragen hat. Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus macht es keinen Unter
schied, wer das Kursrisiko zu tragen hat, es fei denn, daß das ausgeschaltete Glied
in der Ausnutzung der Wechselkurse (Arbitrage) oder in der Zahlung durch Kom
pensation, in den Bankverbindungen usw. besser und geschickter gearbeitet hat,
als das an seine Stelle getretene Glied imstande ist, oder umgekehrt.
4. Das Risiko in der Lieferfrist. Die Lieferfrist und deren Ein
haltung bildet im Handel ein sehr wichtiges Moment. Wird die bestellte Ware
nicht rechtzeitig abgeliefert, versäumt der Fabrikant mit seiner Sendung die recht
zeitige Verschiffung, so kann daraus sehr großer Schaden erwachsen. Da jedes Glied
in der Handelsorganisation in dieser Beziehung von seinem Vormanne abhängig,
gegenüber seinem Nachmanne aber verantwortlich ist, so entstehen durch Nichtein
haltung der Lieferfrist Konflikte, die für jeden Beteiligten auch kleinere oder größere
Risiken einschließen. Nicht selten liegt eine wichtige Aufgabe eines Zwischengliedes
gerade in der Überwachung dieses Dienstes, insbesondere beim Export; daher ist
das ausschaltende Glied in viel größerer Gefahr als vorher, wo es sich noch auf die
bezüglichen Dienste des ausgeschalteten Zwischengliedes verlassen, dieses verantwortlich
machen konnte. Wer direkt kauft oder verkauft, übernimmt auch
ein größeres Risiko an der Lieferfrist.
5. Das Qualitätsrisiko. Der in der Praxis stehende Kaufmann weiß,
wieviel tausend Reklamationen, Abzüge, Verluste, Prozesse ihm aus der Bemängelung
der gelieferten Waren erwachsen. Der Kaufmann ist eben nicht selbst Produzent,
sondern er muß die Ware verkaufen, wie er sie vom Vormann bezw. vom Produ
zenten bekommen kann; gleichwohl ist er dem Nachmanne für musterkonforme und
der bestellten Qualität entsprechende Lieferung verantwortlich. Aus diesen Um
ständen entstehen für den Kaufmann die allerschwierigsten Aufgaben, so daß nicht
selten die ganze Handelskunst nicht etwa im geregelten Gang von Kauf und Ver
kauf, sondern in der Vermeidung von Konflikten besteht, — eine Kunst, die fast
gänzlich versagt, wenn er das Unglück hat, mit sog. Schikaneuren zu verkehren,
die aus kleinen Mängeln große Ersatzansprüche herleiten oder sogar Mängel er-