Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

204  Zweiter  Teil.  Handel.  VIII.  Der  Wettbewerb  im  Handel  rc.

Zins-  und  Kapitalverlusten  an  Außenständen  zu  rechnen  und  können  sich  mit  einem
geringeren  Nutzen  im  einzelnen  begnügen  oder  sogar  ohne  Gefährdung  ihrer  Existenz
längere  Zeit  ohne  Reinertrag  arbeiten.  Sie  sind  in  der  Lage,  ihre  Geschäftshäuser
bis  in  die  höchsten  Etagen  zu  Verkaufsräumen  zu  benutzen,  während  der  kleinere
und  mittlere  Detaillist  nicht  daran  denken  kann,  als  Verkaufsräume  höhere  und  deshalb ­
  billigere  Etagen  zu  mieten.  Wie  der  Räume,  so  ist  auch  bei  dem  großen
Umsatz  und  der  infolgedessen  durchzuführenden  Arbeitsteilung  eine  lukrativere  Ausnutzung ­
  des  Personals  möglich."
In  diesen  Worten  ist  die  technische  und  wirtschaftliche  Überlegenheit  des  Großbetriebes, ­
  die  sich,  wie  längst  auf  industriellem,  so  neuerdings  auch  auf  dem  Gebiete
des  Kleinhandels  Bahn  gebrochen  hat,  treffend  dargestellt.
Müssen  wir  somit  die  Warenhäuser  als  wünschenswerte  Förderer  der  Konsumtion ­
  betrachten,  so  sind  sie  auch  von  nicht  zu  unterschätzendem  günstigen  Einflüsse ­
  auf  unsere  industrielle  Entwickelung.  Sie  sind  einerseits  wertvolle
Kunden  unserer  Großindustrie,  für  die  sie  unentbehrliche,  sichere  Abnehmer  großer
Warenposten  bilden,  andererseits  spielen  sie  als  Arbeitgeber  der  Kleinindustrie  eine
wichtige  Rolle.  Gerade  aus  unserem  engeren  Wirtschaftsgebiete  (Berlin)  sind  uns
zahlreiche  Belege  dafür  geworden,  daß  Handwerk  und  Kleingewerbe  aus  dem  Absatz ­
  an  die  Warenhäuser  erheblichen  Nutzen  ziehen.
Die  Warenhäuser  haben  aber  zahlreiche  Artikel  überhaupt  erst  dem  Konsum
der  großen  Massen  zugänglich  gemacht  und  neue  Gebrauchsartikel  geschaffen. ­
  Ich  erwähne  hier  den  Vertrieb  von  konservierten  Gemüsen,  der  seit
einiger  Zeit  in  den  Warenhausverkehr  aufgenommen  worden  ist.  Diese  Konserven,
die  früher  nur  von  Wohlhabenderen  gekauft  wurden,  werden  jetzt  in  Wagenladungen
mit  geringen  Frachtspesen  bezogen  und  dem  Publikum  zu  billigen  Preisen  angeboten.
Der  Verbrauch  hat  sich  in  außerordentlicher  Weise  gehoben,  da  auch  die  Spezialgeschäfte ­
  ihre  Preise  ermäßigen  muhten,  und  Gemüsezüchter,  Fabrikanten,  Händler
und  Verbraucher  finden  ihren  Vorteil.
Nicht  minder  hat  sich  der  Verkauf  von  Büchern  und  Musikalien  dadurch  gehoben, ­
  daß  die  Warenhäuser  sich  mit  ihm  beschäftigen.  Der  deutsche  Buchhandel
arbeitet  bekanntlich  im  allgemeinen  mit  hohen  Preisen  und  kleinem  Abnehmerkreis.
Bon  einem  hiesigen  Warenhause  sind  nun  vor  einiger  Zeit  Massenauflagen  gangbarer ­
  Werke  (Klassiker,  Unterhaltungsschriften,  Kochbücher,  Bilderbücher  u.  dgl.)  veranstaltet ­
  und  zu  sehr  billigen  Preisen  abgesetzt  worden.  Es  wurden  im  letzten
Jahre  etwa  150  000  Bilderbücher,  110  000  Kochbücher  (zu  je  30  oder  85  Pfg.),
120  000  Unterhaltungsschriften  (zu  20—100  Pfg.),  8000  Klassiker  abgesetzt.  Gerade
dadurch,  daß  diese  Bücher  in  der  von  vielen  so  anstößig  gefundenen  Nachbarschaft
von  Kleidungsstücken,  Hausgerät  u.  dgl.  ausgelegt  waren,  fanden  sie  Käufer.  Zu
den  üblichen  Preisen  der  Buchhandlungen  würde  sicher  der  überwiegende  Teil  der
Käufer  überhaupt  diese  Bücher  nicht  erstanden  haben,  und,  abgesehen  davon,  daß
zahlreichen,  dem  kleinen  oder  mittleren  Bürgerstande  angehörigen  Personen  eine
unterhaltende  oder  lehrreiche  Lektüre  entgangen  wäre,  hätten  Papierhändler,  Drucker,
Verleger,  Buchbinder  usw.  den  ihnen  aus  dem  Verkauf  erwachsenen  Nutzen  entbehrt.
Ähnliche  Beispiele  lassen  sich  noch  zahlreich  anführen.
Und  gerade  die  in  die  Acht  erklärten  Warenhäuser,  die  verschiedenartige  Warengruppen ­
  führen,  sind  in  dieser  Beziehung  am  wirkungsvollsten.  Ein  Gang  durch  ihre
Räume,  in  denen  die  mannigfaltigsten  Artikel  nebeneinander  zur  Schau  gelegt  sind,
reizt  die  Kauflust  an,  der  Besucher  sieht  Dinge,  an  die  er  nie  gedacht,  die  er  nie
gekannt  hat,  und  wird  angeregt,  sie  zu  kaufen.  Der  Geschmack  wird  geweckt,  die
Lust,  auch  die  ärmlichste  Wohnung  mit  einem  kleinen  billigen  Schmuckgegenstande
zu  versehen,  und  so  mit  der  Hebung  der  Behaglichkeit  des  Heims  der  Sinn  veredelt.
            
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