6. Die Konsumvereine.
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Ein Öldruck, ein billiger, kunstgewerblicher Gegenstand bereiten das Verständnis für
das Bessere, Edelere vor. Gerade unsere Fabrikanten kunstgewerblicher Massen
artikel müssen in den geschmähten Warenhäusern wertvolle Abnehmer erblicken.
Durch das Aufblühen des Großbetriebs im Kleinhandel ist aber auch die Kon
kurrenz, die das Ausland der heimischen Industrie macht, erheblich zurückgedrängt
worden. Die Überschwemmung des deutschen Marktes mit den von den großen
Pariser Bazaren, dem Louvre, Bon MarcM, Printemps und anderen, gelieferten
Waren hat so gut wie vollständig aufgehört; die deutschen Warenhäuser sind mit
deutschen Waren an ihre Stelle getreten.
Müssen wir somit den Großbetrieb im Kleinhandel als eine auf den übrigen
wirtschaftlichen Gebieten seit lange eingetretene und immer weitere Fortschritte
machende Erscheinung ansehen, die sich im Interesse der Konsumenten und unserer
heimischen Industrie bewährt hat, so dürfen die Einwürfe nicht übergangen werden,
welche man gegen die Warenhäuser bezüglich ihres Reklamewesens und ihrer ver
meintlichen Unreellität vielfach erhebt.
Man tadelt, daß manche Warenhäuser einzelne Artikel ohne Gewinn oder gar
mit Verlust verkaufen, daß sie die Kunden durch Gratiszugaben, z. B. von Photo
graphien, anlocken, daß sie nur oder vorzugsweise Schundwaren führen.
Wir wollen gar nicht leugnen, daß in diesen wie vielleicht noch in anderen Be
ziehungen unerfreuliche Züge des Kleinverkaufsgeschäftes durch die Warenhäuser
schärfer ausgeprägt sind. Aber vorhanden waren sie auch schon früher, sie sind keine
Eigentümlichkeiten des Warenhausbetriebes. Von alters her gibt der Krämer dem
einkaufenden Dienstmädchen oder Kinde ein Geschenk in den Kauf. Auch der abnorm
billige Verkauf einzelner Warengattungen, sei es zu Reklamezwecken, sei es zur
Räumung unbeliebter Ware, ist eine auch außerhalb der Warenhäuser weit verbreitete
Übung. Billige und schlechte Waren endlich führen auch viele Kleingeschäfte, die mit
Warenhäusern nichts gemein haben. Bei den Warenhäusern wird ein derartiges
Geschäftsgebaren nur sichtbarer, weil es im großen betrieben wird.
Aber solche unerfreuliche Erscheinungen im Geschäftsleben tragen ihre Korrektur
in sich selbst, weil das Publikum durch eigene Erfahrungen und durch die Mitteilungen
der Konkurrenten bald zur richtigen Erkenntnis gebracht wird.
Daß aber Unreellität in den großen Hellen Sälen eines Warenhauses, unter
den Augen von Hunderten von Angestellten aus die Dauer geübt werden könnte,
erscheint viel unwahrscheinlicher, als daß dies in dem Laden eines Kleinkrämers
geschieht.
Unreelles Geschäftsgebaren soll streng geahndet werden, aber dies hat nicht
durch die Steuergesetzgebung, sondern durch die Strafgesetzgebung
zu geschehen.
6. Die Konsumvereine.
Von Heinrich Herkner.
H e r k n e r, Die Arbeiterfrage. 5. Ausl. Berlin, I. Guttentag, 1908. S. 319—351
und S. 362—366-
Eine Verbesserung der Arbeiterlage kann u. a. dadurch erfolgen, daß bei gleich
bleibenden Lohnbezügen die Preise der Bedarfsartikel eine Ermäßigung erfahren;
es verdienen daher alle Veranstaltungen, welche eine bessere oder billigere Bedarfs
deckung bezwecken, die volle Aufmerksamkeit der Sozialreformer. Letztere stellen sich
deshalb in der Regel der Besteuerung notwendiger Lebensmittel feindlich gegenüber.