Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

206 Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc. 
Und in der Tat, soweit derartige Steuern nicht an Stelle einer fehlenden direkten 
Besteuerung der kleinen Einkommen getreten sind oder der Ertrag dieser Steuern 
lediglich im speziellen Interesse der Arbeiter wieder verwendet wird, widerstreiten sie 
dem Grundgedanken der sozialen Reform. Nun hat aber die Entwicklung der über 
seeischen Konkurrenz in der Landwirtschaft viele Staaten veranlaßt, Zölle auf Agrar 
produkte einzuführen, also teilweise eine Belastung notwendiger Lebensmittel, wie 
Getreide, Fleisch, Butter, Eier, Gemüse u. dgl., vorzunehmen. Obwohl diese Zölle 
nicht als Konsumbesteuerung gedacht sind, haben sie doch die gleiche Folge, nämlich 
eine Verteuerung des Lebensunterhaltes. In der Regel bekämpfen die Vertreter der 
Industriearbeiter solche Zölle ohne jede Einschränkung. Diese Haltung ist aber nur 
dort im wirklichen Interesse der Arbeiter gelegen, wo die Zölle oder deren Erhöhung 
zur Erhaltung der Landwirtschaft nicht unbedingt erforderlich sind. Daß eine ihrem 
Ruin entgegengehende Landwirtschaft auch die Lage der Industriearbeiter ungünstig 
beeinflussen würde, kann nicht bezweifelt werden. Ob Zölle überhaupt, in welcher 
Höhe und auf welche Artikel sie namentlich im Interesse der Bauernschaft eine Not 
wendigkeit darstellen, das sind aber so eifrig umstrittene agrarpolitische Fragen, daß 
eine Erledigung in diesem Zusammenhange nicht stattfinden kann. Fällt die Entschei 
dung zugunsten der Agrarzölle, so ist es jedenfalls geboten, die eintretende Verteuerung 
des Lebensunterhaltes der Arbeiter durch Verminderung oder Beseitigung anderer 
Konsumsteuern, die nicht aus fchutzzöllnerischen Motiven aufrecht erhalten werden 
müssen, möglichst auszugleichen. 
So wichtig die Art der Konsumbesteuerung sein mag, so bieten niedrige oder 
fehlende Konsumsteuern noch keine Garantie für billige Lebensmittelpreise. An 
Stelle der letzteren können hohe Gewinnaufschläge des Handels, insbesondere des 
Detailhandels treten. Es ist die Aufgabe der Konsumvereine, dadurch, daß sie selbst 
die Funktion des Detailhandels übernehmen, ihre Mitglieder von dieser Verteuerung 
möglichst zu befreien. An sich stellt der Konsumverein eine Organisation dar, die nicht 
nur im Interesse der Arbeiter, sondern aller Konsumenten liegt. Aber es ist be 
greiflich, daß das Interesse an der billigeren Beschaffung der Bedarfsartikel in dem 
Grade wächst, als das Einkommen abnimmt. So erscheinen dann die Arbeiter oft 
als die eifrigsten Parteigänger der Konsumvereinsbewegung. 
Während die Gewerkvereine danach streben, das Einkommen des Arbeiters zu 
erhöhen, und die Arbeiterversicherung den Bezug seines Einkommens zu sichern 
trachtet, steigern die Konsumvereine durch Verbilligung der Güter, deren der Arbeiter 
vorzugsweise zur Lebensführung bedarf, die Kaufkraft seines Einkommens. Die Be 
gründung von Konsumvereinen geht in so fern leichter vonstatten, als sie einen augen 
blicklich eintretenden, unmittelbaren Vorteil gewähren. Hier werden nicht, wie bei 
Gewerkvereinen und Arbeiterversicherung, Beiträge verlangt, die vielleicht erst nach 
langer Zeit einmal demjenigen, der sie geleistet hat, eine Gegenleistung verschaffen. 
Der Konsumverein verlangt keine Opfer der Gegenwart für die Zukunft. Es genügt, 
daß das Mitglied dem Vereine seine Kundschaft zuwendet und die entnommenen 
Waren sofort bezahlt. Fast alle Konsumvereine haben heute den ihrer Ausdehnung 
so förderlichen Grundsatz angenommen, die Geschäftsanteile zwar zu dem landesüb 
lichen Zinsfüße zu verzinsen, aber den Gewinn nur nach Maßgabe der bewirkten 
Einkäufe unter die Kunden zu verteilen. Je eifriger ein Mitglied im Vereinsladen 
kauft, desto größer sein Gewinn. 
Es hieße die Bedeutung der Konsumvereine verkennen, wenn man sie nur als 
Einrichtungen zur billigeren Beschaffung der Lebensmittel gelten lassen wollte. Der 
Konsumverein leistet mehr. Er erzieht die Arbeiter zu wirtschaftlicher Lebens 
führung, da er Barzahlung verlangt. Er befreit von den unwürdigen Abhängigkeits 
verhältnissen, in denen die Arbeiter sich dem kreditierenden Krämer gegenüber oft
	        
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