Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8.  Gibt  es  eine  Notlage  des  Kleinhandels?

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8.  Gibt  es  eine  Notlage  des  Kleinhandels?
Von  Otto  F  r  h.  v.  B  ö  n  i  g  k.

d.  Bönigk,  Gibt  es  eine  Notlage  des  Kleinhandels?  In:  Monatsschrift  für  Handel,
Industrie  und  Schiffahrt.  Amtliches  Organ  der  Handelskammer  zu  Halberstadt.  Herausgeber: ­
  v.  Bönigk.  Halberstadt,  Verlag  der  Handelskammer,  1904.  S.  101—103.
Wenn  man  die  Frage  in  dieser  Allgemeinheit  stellt,  so  ist  sie  zweifellos  zu  verneinen, ­
  denn  der  Detailhandel,  soweit  er  große  Warenhäuser  oder  große  Konsumvereine ­
  und  Filialgeschäfte  umfaßt,  klagt  keineswegs  über  die  Ungunst  der  Zeiten.
Im  Gegenteil  erweisen  die  oft  recht  beträchtlichen  Erweiterungsbauten  und  Neugründungen ­
  von  Warenhäusern,  die  weiteren  Eröffnungen  von  Filialen  gewisser
Geschäfte  klar,  daß  wir  es  hier  mit  Betrieben  zu  tun  haben,  die  allen  Grund  haben,
mit  dem  Ertrage  ihrer  Tätigkeit  zufrieden  zu  sein.  Der  Kreis,  auf  den  sich  die
beweglichen  Klagen  über  die  „Notlage  des  Detailhandels"  beziehen,  umfaßt  daher
nur  einen  Teil  desselben,  den  ich  kurz  mit  dem  Worte  „Klein-Detailhandel"  bezeichnen ­
  will,  im  Gegensatz  zum  „Groß-Detailhandel",  der  in  den  Warenhauspalästen
und  in  den  großen  Spezialhäusern  der  Konfektionsbranche  seine  bekanntesten  Vertreter ­
  findet.  Allerdings  sind  keineswegs  alle  Betriebe  des  Klein-Detailhandels
gleichmäßig  in  mißlichen  Verhältnissen,  aber  man  wird  doch  im  allgemeinen  nicht
irregehen,  wenn  man  sagt,  daß  die  Klagen  sich  ausschließlich  auf  den  Klein-Detailhandel
  beziehen.
Prüft  man  dieselben  nun  näher,  so  ergibt  sich  bald,  daß  die  persönlichen  Erfahrungen ­
  des  einzelnen  Klein-Detaillisten  ihn  zu  einer  starken  Überschätzung  der  jener
„Notlage"  zugrunde  liegenden  einzelnen  Erscheinungen  führen.  Bei  dem  einen  sind
die  Detailreisenden  aus  den  Großstädten,  beim  anderen  die  Einschränkungen
des  Detailreisens,  beim  dritten  die  Wanderlager,  beim  vierten  die  Ausverkäufe,  die
Konsumvereine,  Warenhäuser  usw.  an  allem  schuld.  Wenige  aber  erkennen,  daß  dies
alles  nur  verschiedene  Äußerungsformen  jener  einen  treibenden  Kraft  find,  welche
die  gesamte  Konsumentenversorgung  in  veränderte  Bahnen  treibt.  Jene  Einzelerscheinungen ­
  sind  allerdings  nicht  unwichtig,  wie  die  Wirkungen  des  Unlauterkeitsgesetzes, ­
  der  Nahrungsmittelgesetzgebung,  der  Bestimmungen  über  die  Auktionen  usw.
deutlich  dartun,  weil  sie  das  sittliche  Kleid  der  Volkswirtschaft  ausbessern,  welches  die
lästigen  Auswüchse  der  Gewerbefreiheit  zerrissen  hatten,  —  aber  diese  Flickarbeit
darf  nicht  mit  so  viel  Lärm  und  Überschätzung  verbunden  werden,  daß  man  das
Geräusch  des  rastlosen  Webstuhls  nicht  hört,  an  welchem  die  Zeit  ein  neues  Kleid
für  den  Detailhandel,  für  die  Konsumentenversorgung  webt.
Gerade  aber  darin,  daß  diese  Webearbeit  vor  sich  geht  und  schon  recht  weit
gediehen  ist,  liegt  das  Geheimnis  der  sog.  Detailhandelsfrage.  Das  wird  sofort
klar,  wenn  man  den  einzelnen  eigenartigen  Fäden  des  Gewebes  zu  folgen  sucht,  wenn
man  also  den  Unterschieden  nachspürt,  welche  sich  zwischen  der  früheren  Art  der
Konsumentenversorgung  und  der  jetzigen  Methode  ergeben.  Natürlich  können  hier
nicht  sämtliche  Punkte,  in  denen  sich  eine  Abweichung  der  jetzigen  von  den  früheren
Verhältnissen  ergibt,  aufgeführt,  sondern  nur  einige  charakteristische  Züge  bezeichnet
werden,  welche  die  Umwälzung  auf  dem  Gebiete  der  Konsumentenversorgung  etwa
seit  Gründung  des  neuen  Deutschen  Reichs  unzweifelhaft  belegen.
1.  Früher  gab  es  nur  solche  Detailbetriebe,  in  denen  es  auf  Erzielung  eines
Gewinns  für  den  Besitzer  abgesehen  war;  jetzt  gibt  es  Konsumentenvereinigungen
aller  Art  zum  gemeinsamen  Bezug  von  Waren.
2.  Während  früher  die  Detailgeschäfte  nur  mit  solchen  Waren  handelten,
            
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