Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8. Gibt es eine Notlage des Kleinhandels? 
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15. F r ü h e r konnte man nicht durch Zeitungen sehr wirksame Reklame machen, 
da sehr viele Menschen keine Zeitungen hielten; jetzt sind die Zeitungen so verbreitet, 
daß Annoncen an einen riesigen Leserkreis gelangen können. 
Aus dieser Zusammenstellung geht klar hervor, daß die Versorgung der Kon 
sumenten nicht mehr ausschließlich durch die Klein-Detaillisten, die doch früher allein 
diese volkswirtschaftliche Aufgabe zu verrichten hatten, besorgt wird, sondern daß 
sie sich in diese Arbeit nunmehr mit anderen Faktoren, wie Konsumvereinen, Waren 
häusern und anderen Großbetrieben des Detailhandels, ferner mit industriellen Unter 
nehmungen, die Detailhandel treiben (Filialsystem), usw. teilen müssen. Wie einst 
neben dem in starker wirtschaftlicher Position alleinherrschenden Handwerk die 
Industrie allmählich an der Güter Produktion Anteil nahm und nach und nach, 
langsam, aber sicher, jenes sogar in den Hintergrund zu drängen wußte, so vollzieht 
sich heute derselbe Prozeß auf dem Gebiete des Detailhandels. Die drei 
ersten der oben aufgeführten Neuerscheinungen erweisen das deutlich, so daß es 
keiner Beweise bedarf. 
Es sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß es im Jahre 1865 nur etwa 150 
Konsumvereine in unserem Vaterlande mit einem Umsatz von zusammen weniger 
als 1 Million Jl Wert für 6—7000 Mitglieder gab, während um die Wende des 
Jahrhunderts schon 1400 Konsumvereine etwa 450 000 Mitglieder mit Waren im 
Werte von nahezu 100 Millionen Jl versorgten. Es find also die Klein-Detailhändler, 
die früher fast die gesamte Konsumentenversorgung besorgten, um diese riesige 
Quantität in ihrem jährlichen Umsatz ausgeschaltet. Ein gleiches Bild ergibt ein 
Blick auf die preußische Warenhaussteuer, die, obwohl sie nur sehr große und nur 
die vier verschiedene Warengattungen umfassenden Groß-Detailhandlungen erfaßt, 
im ersten Jahre ihrer Erhebung von 109 Warenhäusern mehr als 3 000 000 Jl er 
brachte, wobei zu beachten ist, daß diese Summe im Höchstfälle 2 % des Gesamt 
umsatzes (dieser also 150 Millionen Jü) darstellt. Leider können wir mangels 
Materials diese Ziffern nicht dadurch vervollständigen, daß wir noch hinzufügen, 
wie hoch die Beträge sind, um welche der Umsatz der früher alleinherrschenden Klein- 
Detaillisten durch die Filialgeschäfte großer Handelshäuser und Industriebetriebe 
(z. B. Hamburger Engros-Lager, Kaisers Kaffeegeschäft, Täcks Schuhfabrik) jetzt 
geschmälert wird; ferner durch die Versandgeschäfte, durch die Riesenspezialgeschäfte 
(wie Gerson, Hertzog), sowie durch die Anzahl aller derjenigen Warenhäuser, welche 
nicht alle Merkmale des Warenhaussteuergesetzes aufweisen, also steuerfrei bleiben. 
Wir wollen einmal annehmen, daß es sich bei all diesen der Statistik zur Zeit 
noch nicht erschlossenen Betrieben um einen Jahresumsatz handelt, der gleichfalls 
150 Millionen Jl betragen würde, so würde sich der Betrag, um welchen die Klein- 
Detaillisten bei der Konsumentenversorgung allein durch all die genannten Neu 
bildungen geschädigt werden, auf 100 + 150 +150, also auf 400 Millionen Jl 
jährlich belaufen. Warenhaussteuer wurde 1903 in Preußen von 73 Firmen (bei 
einem Gesamtumsatz von 143 258 000 Jl) 1933 000 Jl erhoben; hiervon zahlten 
7 Warenhäuser allein die größere Hälfte.*) 
Wenn man nun erwägt, daß die den Tatsachen entsprechende, aber nicht zu 
ermittelnde Summe sicherlich noch erheblich größer ist, so muß es für jeden klar sein, 
daß die Zurückdrängung des Klein-Detailhandels durch andere Organe der Volks 
wirtschaft nicht nur keine leere, von begehrlichen Interessenten aufgestellte Behauptung 
*) Im Jahre 1911 wurden in Preußen 108 Firmen zu 3 346 324 Jl Warenhaussteuer 
veranlagt: davon entfielen allein 1602066 Jl auf 19 Berliner Firmen. Statistisches 
Jahrbuch für den Preußischen Staat. 9. Jahrgang 1911. Herausgegeben vom 
Statistischen Landesamte. Berlin, Verlag des Statistischen Landesamts, 1912. S. 524. — G. M.
	        
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