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Zweiter Teil. Handel. IX. Märkte und Messen.
strömung noch verschiedene Nebenströmungen bei der völligen Ausbildung des Geld
wesens wirksam gewesen sein.
Für die gesamte Kulturentwicklung der Menschheit bleibt von den Ergebnissen
dieser Betrachtung aber doch die Tatsache entscheidend, daß in dem Gelde als der
bevorzugten Tauschware ein Mittel gefunden war, welches die Menschen von Stamm
zu Stamm in regelmäßigem, friedlichem Verkehre verband und einer Differenzierung
der Stämme in Rücksicht der Produktion die Wege bahnte. Darin, daß alle An
gehörigen des gleichen Stammes oder Dorfes ein bestimmtes Produktionsgebiet
neben dem Nahrungsmittelerwerb mit Vorliebe anbauten, lag allein die Möglichkeit
eines Fortschritts der technischen Einsicht und Geschicklichkeit; es war eine inter
nationale oder interlokale Arbeitsteilung im kleinen, der erst viel später die nationale
und lokale Arbeitsteilung von einem Individuum zum andern folgte. Und auch die
unmittelbare Bedeutung des Marktes für den persönlichen Verkehr darf man auf
dieser Stufe nicht unterschätzen, zumal in Ländern, wo ein Gütertausch außerhalb des
Marktes so ungewöhnlich ist, daß man selbst die Reisenden, welche etwas aus der
Hand kaufen möchten, regelmäßig mit den Worten abweist: „Kommt auf den Markt!"
Man wird dabei unwillkürlich an die hervorragende Stellung erinnert, welche der
Markt im sozialen und politischen Leben der Völker des klassischen Altertums
einnahm.
2. Märkte und Messen im Mittelalter
und in der neueren Zeit.
Von Wilhelm Roscher und Wilhelm Stieda.
Roscher, Nationalökonomik des Handels und Gewerbfleihes. 7- Aufl., bearbeitet
von^Stieda. Stuttgart, I. G. Cotta Nachfolger, 1899. S. 184—156 und S. 165—166.
Im Mittelalter war es bei Gründung einer Stadt sehr gewöhnlich, ihr ein
Marktprivilegium zu erteilen. Man begünstigte den Markt negativ, indem alle hier
geschehenen Verkäufe auch ohne die sonst vorgeschriebenen Förmlichkeiten Geltung
hatten; positiv durch besondere Einschärfung der Rechtssicherheit, Errichtung obrig
keitlicher Wagen ic. Dabei verbietet z. B. der Sachsenspiegel, innerhalb einer Meile
von einem Marktort einen andern anzulegen. Wenn man die (insgemein erst
später auftauchenden) Wochenmärkte, die Jahrmärkte und Messen wirtschaftlich so
unterschieden hat, wie Hökerei, Klein- und Großhandel, oder rechtlich danach, daß
die Bewilligung der ersten von der Ortsobrigkeit, die der zweiten von der Landes
herrschaft abhing, während die einer Messe kaiserliches Reservatrecht blieb, so ist die
Grenze dazwischen doch keine scharfe.
Als die Rechtssicherheit aufgehört hatte, ein besonderer Vorzug der Marktörter
und -zeiten zu sein, begünstigte man nicht bloß alle Märkte durch eine Menge von
Einrichtungen zur Bequemlichkeit der Marktbesucher, sondern die Wochenmärkte
speziell auch dadurch, daß man den Produzenten der marktpflichtigen Waren jeden
Verkauf außerhalb des Marktes verbot. Jedenfalls sind Wochenmärkte für schnell
verderbliche Lebensmittel in einer Stadt, welche schon nicht mehr viele Selbstprodu
zenten und noch immer nicht viele Vorratskäufer jener Waren im großen unter
ihren Bewohnern zählt, ein so dringendes Bedürfnis, daß feine Befriedigung auch
mit einigen Opfern nicht zu teuer bezahlt wird. — Die Hauptbedeutung der Jahr
märkte hat lange Zeit darin bestanden, daß sie das städtische Bann- und Zunft
privilegium unterbrachen, den Kaufleuten freies Geleit trotz etwaiger Geldschulden
sicherten, reichen Gewinn an Zollerträgen brachten, vielleicht auch als Schauplätze der