Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

220

Zweiter  Teil.  Handel.  IX.  Märkte  und  Messen.

der  heutige  Sprachgebrauch  unter  Iahrmarktware  meist  schlechte  Ware  versteht,  und
wie  sehr  gerade  diejenigen,  die  für  wahre  Volksfeste  Sinn  haben,  die  Iahrmarktslustbarkeiten
  unerfreulich  finden.  —  Von  den  Messen  weiß  schon  Turgot,  daß  ihre
Größe  durchaus  kein  Zeichen  blühenden  Verkehrs  ist,  vielmehr  in  Staaten  gefunden
wird,  „deren  Handel  gefesselt,  mit  Abgaben  überlastet  und  darum  mittelmäßig".
Auf  hoher  Kulturstufe  ist  die  Rechtssicherheit  groß  genug,  um  Waren  auch  ohne
persönliche  Begleitung  zu  versenden.  Die  Vervollkommnung  des  Brief-  und  Zeitungsverkehrs ­
  macht  Auswahl  und  Absatz  möglich,  auch  ohne  die  zeit-  und  kostspieligen
Meßreisen.  Ganz  vornehmlich  aber  kann  das  Institut  der  Handlungsreisenden
Produzent  und  Kaufmann  viel  rascher  und  weniger  unterbrochen  mit  den  Konsumenten ­
  in  Fühlung  erhalten,  als  bei  den  flüchtigen  Meßbesuchen  der  Fall  wäre.
Städte  wie  London  oder  Paris  sind  gleichsam  permanente  Meßplätze.  Am  längsten
haben  die  Messen  ihre  mittelalterliche  Bedeutung  selbst  auf  übrigens  hoher  Kulturstufe ­
  da  behalten,  wo  ein  natürliches  Handelsgebiet  durch  Zollgrenzen  rc.  zerrissen
war.  Doch  haben  sie  auch  hier  seit  längerer  Zeit  mehr  und  mehr  den  Charakter
von  Gewerbeausstellungen  und  Musterlagern  angenommen.  Das  Bestellen  für  die
Zukunft  und  das  Abrechnen  für  die  Vergangenheit  überwiegt  immer  mehr  das
eigentliche  Kaufen  in  der  Gegenwart,  wie  sich  dies  namentlich  in  typischer  Weise
bei  den  Leipziger  Buchhandelsmessen  gezeigt  hat.
Eine  Ausnahme  von  der  Regel  sind  die  S  p  e  z  i  a  l  m  ä  r  k  t  e  für  einzelne
Waren,  zumal  Rohstoffe,  die  gerade  neuerdings  in  vielen,  selbst  hochkultivierten
Ländern  errichtet  und  gediehen  sind.  Am  meisten  empfehlen  sie  sich  für  Landesprodukte, ­
  welche  von  vielen  kleinen  Produzenten  hervorgebracht  werden,  namentlich
wenn  diese  Hervorbringung  an  bestimmte  Jahreszeiten  gebunden  ist.  Hier  kann
der  Markt  ein  Mittel  fein,  der  Hausindustrie  oder  Bauernwirtschaft  die  Vorteile  des
Großbetriebes  zu  verschaffen:  bessere  Übersicht  von  Bedarf  und  Vorrat,  eben  darum
größere  Zuverlässigkeit,  Planmäßigkeit  und  Arbeitsteilung,  Emanzipation  der  Käufer
und  Verkäufer  von  wucherlichen  Zwischenhänden,  Verbindung  mit  dem  Welthandel,
welcher  sonst  die  zerstreuten  Kleinbetriebe  nicht  aufsuchen  würde.

3.  Der  Breslauer  Wollmarkt  und  die  Firma  Eichborn  &  Co.
Von  Kurt  v.  Eichborn.

Moriz-Eichborn,  Das  Soll  und  Haben  von  Eichborn  &  Co.  in  175  Jahren.  Ein
schlesischer  Beitrag  zur  vaterländischen  Wirtschaftsgeschichte.  Breslau,  Wilh.  Gottl.  Korn,  1903.
S.  302—308.
Die  Rolle,  welche  der  Firma  Eichborn  &  Co.  in  Breslau,  die  als  älteste  Privatbankfirma ­
  Schlesiens  wie  zugleich  des  ganzen  Ostens  der  preußischen  Monarchie  im
Jahre  1903  auf  ein  175  jähriges  Bestehen  zurückblicken  konnte,  in  der  Finanzierung
der  Geschäfte  der  ehemals  in  langem  Zeitlaufe  weltberühmten  Breslauer  Wollmärkte
zugefallen  ist,  ist  ebenso  bedeutend  wie  vielseitig  und  ausgedehnt  gewesen;  denn  die
Firma  wurde  nicht  nur  als  Bankier  und  Kommissionär,  sondern  bis  zur  Erbauung
der  Eisenbahnen  auch  als  Spediteur  von  den  Wollinterefsenten  in  Anspruch  genommen. ­

Schon  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  sehen  wir  sie  mit  kommissionsweisem
Einkauf  von  Wolle  beschäftigt.  Doch  erst  seit  der  Freigabe  der  Wollausfuhr  durch
die  preußische  Regierung  und  nach  dem  endgültigen  Frieden  des  Jahres  1815  hat
die  eigentliche  Entwickelung  des  Breslauer  Wollmarktes  begonnen,  die  dann  allerdings ­
  in  überraschend  kurzer  Zeit  zu  jener  gewaltigen  Bedeutung  geführt  hat,  die
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.