Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter  Teil.  Handel.  \X.  Märkte  und  Messen.

der  Waren  noch  heute  für  den  größten  Teil  Großrußlands  und  des  asiatischen  Rußland. ­
  Von  Eröffnung  der  Schiffahrt  im  Frühjahr  bis  zu  Beginn  der  Messe  können
fast  aus  allen  Teilen  des  Reiches  die  Waren  nach  Nifchni  gebracht  sein,  und  noch  ist
es  Zeit,  daß  die  Käufer  sie  abermals  verschiffen,  ehe  die  Ströme  zufrieren.
Di-.  Kosegarten,  welcher  1843  die  Messe  besuchte,  gibt  ein  interessantes  Warenverzeichnis. ­
  Vorwiegend  nennt  er  Produkte  des  bäuerlichen  Hausfleißes:  grobe
Textilstoffe,  Räder,  kleine  Metallwaren,  Heiligenbilder,  Ritualschriften,  Edelmetallarbeiten, ­
  Schuhe  usw.
Neben  den  Erzeugnissen  des  bäuerlichen,  meist  nordrussischen  Hausfleißes  traf
Kosegarten  1843  auf  der  Nischnier  Messe  gewisse  wertvollere  Naturprodukte  des
Südens  und  Ostens,  z.  B.  tatarische  Schafpelze  für  Winterkleidung,  sibirisches  PelZwerk,
  Baumwolle,  edle  Hölzer  aus  dem  Süden  und  vor  allem  den  Tee,  damals  die
leitende  Ware  der  Messe.  Der  Abschluß  des  Teehandels  war  für  den  Geschäftsgang
der  Messe  überhaupt  entscheidend,  direkt  zunächst  für  den  Handel  mit  Wollstoffen,
gegen  welche  in  Kiachta  die  Chinesen  den  Tee  austauschten.  Der  Teehandel  befand
sich,  entgegen  dem  Handel  in  den  oben  genannten  mehr  demokratischen  Waren,  in
wenigen  Händen.  Das  chinesische  Viertel  der  Messe,  nicht  etwa  von  Chinesen,
sondern  von  den  mit  Kiachta  in  Verbindung  stehenden  Großkaufleuten  und  Kommissionären ­
  bevölkert,  war  der  vornehmste  Teil  der  Messe;  ähnlich  heißt  noch  heute
die  Altstadt  von  Moskau  Chinesenstadt  (Kitaigorod),  —  ein  Beweis  dafür,  wie  der
Großhandel  zunächst  anknüpft  an  die  wertvollen,  wenig  voluminösen  Naturprodukte
des  fernen  Auslandes.  Ein  ähnliches  Objekt,  wenn  auch  von  weit  geringerer  Bedeutung ­
  als  der  Tee,  war  der  westeuropäische  Wein.
Von  fremden  Jndustrieprodukten  bezeugt  Kosegarten  ausdrücklich  persische  und
bucharische  Baumwollgewebe,  von  europäischen  Waren  die  „Ladenhüter"  Westeuropas, ­
  die  auf  verschiedenen  Etappen  bis  in  das  Innere  Rußlands  vorgedrungen
waren.

Als  wichtigste  Ware  einheimischer  Großbetriebe,  und  zwar  der  Zeit  entsprechem
grundherrlicher  Großbetriebe,  traten  damals  in  Nifchni  die  Metalle  auf,  insbesondere
Eisen  und  Kupfer;  sie  wurden  aus  den  Metallwerken  des  Ural  die  Kama  im  Frühjahr ­
  zur  Messe  herunter  geschwemmt.  Auch  das  Eisen  befand  sich,  bei  der  Verschuldung ­
  der  Grundherren,  in  der  Hand  von  wenigen  Großkaufleuten.  Drei  oder
vier  Kaufmannssamilien  monopolisierten  nach  Besobrasoff  jahrzehntelang  den  ganze»
innerrussischen  Eisenhandel.
Diese  Übersicht  ist  bezeichnend  für  die  Zustände  des  Nikolaischen  Rußland.
Noch  herrschte  der  russisch-asiatische  Fernhandel  vor,  ein  Zeichen  naturalwirtschaftlicher
Zustände  des  russischen  Volkes.  Insbesondere  war  die  mittelrussische  Baumwollindustrie ­
  —  ein  Gewerbe,  das  den  heimischen  Massenabsatz  zum  Zweck  hat,  —  »och
nicht  auf  dem  Plane  erschienen.  Garne  wie  Gewebe  wurden  noch  aus  den  transkaspischen ­
  Ländern  nach  Rußland  eingeführt,  ähnlich  wie  Indien  im  18.  Jahrhundert ­
  noch  Baumwollwaren  nach  England  versandte.  Die  Einfuhr  von  BauMwollwaren
  aus  Asien  nach  Rußland  stieg  sogar  noch  in  den  Jahren  von  1824—1852
beträchtlich;  die  Einfuhr  asiatischen,  selbstverständlich  handgesponnenen  Garnes  ging
erst  in  den  sechziger  Jahren  zurück,  —  alles  Beweise  der  geringen  Bedeutung  der
eigenen  fabrikmäßigen  Baumwollindustrie.  Die  Garneinfuhr  aus  Asien,  d.  h.  aus
Chiwa,  Buchara  und  Persien  betrug:
1854  43  985  Pud  im  Werte  von  336  020  Rubel.
1860  14  478  .,  „  „  „  86  710  .,  .
Diese  Ziffern  weisen  auf  den  Umschwung  hin,  der  sich  um  jene  Zeit  in  der
russischen  Volkswirtschaft  vollzog  und  den  Charakter  der  Niichnier  Messe  grundlegend
umgestaltete.
            
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