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Zweiter Teil. Handel. IX. Märkte und Messen.
Wollstoffe, nach China ist gänzlich verfallen. Seit der Mitte des vorigen Jahr
hunderts bis in die achtziger Jahre sank die russische Ausfuhr über Kiachta von
22 Millionen auf kaum iy 2 Millionen Rubel. Der vornehmlichste Grund für diesen
Rückgang liegt wahrscheinlich darin, daß Rußland auf den chinesischen Märkten be
gann, der Konkurrenz europäischer Fabrikerzeugnisse zu begegnen. Während in
Westeuropa die Preise der Gewerbeerzeugnisse allgemein und dauernd zurückwichen,
verhinderte der Hochschutzzoll Rußland, dieser Entwicklung zu folgen. Bei der
Sicherheit ihrer Gewinne entbehrte die russische Industrie jenes Ansporns, welcher
in dem Kampf auf offenen Märkten liegt.
An Stelle des Fernhandels spielt in Nischni der Innenhandel seit den siebziger
Jahren die Hauptrolle. Der Moskauer Großhändler und Fabrikant verkauft hier an
die Provinzialkaufleute, von denen die Versorgung der ländlichen Kleinhändler aus
geht. Hier wie überall ging der Fortschritt des Handels hinunter in die Tiefe des
Volksganzen, das er einst als internationaler Fernhandel nur oberflächlich berührte.
Bezeichnenderweise erscheint diejenige Ware, welcher in letzter Linie der ganze
Umschwung verdankt wird, und welche heute die wichtigste Rußlands ist, das Ge
treide, nicht auf der Messe von Nischni. Der Getreidehandel sitzt vielmehr in den
Hafenstädten des Schwarzen und Baltischen Meeres, woselbst sich die Preisbildung
in engem Anschluß an die westeuropäischen Börsennotierungen vollzieht. Aber trotz
dem ist diese Ware ausschlaggebend für den Gang der Messe. Denn die Ernte und
die Getreidepreise sind in Rußland als einem vorwiegend agraren Lande entscheidend
für die Nachfrage nach Jndustrieprodukten; von unmittelbarstem Einfluß sind sie ins
besondere für die Baumwollindustrie, deren Vertreter sich irrigerweise für unabhängig
von Europa halten. Je mehr Europa Getreide kauft, desto größer ist der Absatz
von Kattunen zu Nischni.
Was in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Tee war, werden in den
sechziger Jahren die B au mw o llw ar en : die leitende Ware der Messe.
Wie in Europa und Indien, so hat auch in Rußland die Baumwolle die Be
deutung gehabt, die geldwirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung in die Massen hinunter
zutragen. Durch sie werden Wolle und Flachs aus der Eigenproduktion des Bauern
hofes verdrängt. Auf der Grundlage des heimischen Massenverbrauchs entfaltete sich
die Baumwollindustrie als die erste moderne Fabrikindustrie Rußlands. Während
die Einfuhr von Textilprodukten aus Asien nahezu aufgehört hat, gehen russische
Garne, Druckkattune, auch farbenprächtige Seiden- und Halbseidenwaren in
wachsenden Beträgen nach den transkaspischen Besitzungen Rußlands. Die Spindel
aus Metall hat die kunstgeübte Hand der asiatischen Spinnerin auch in ihrer eigenen
Heimat geschlagen.
Neben den Textilwaren spielen Eisenwaren heute die wichtigste Rolle auf der
Messe, sodann eine stets wachsende Anzahl anderer russischer Jndustrieprodukte, z. B.
Glas-, Porzellanwaren usw. Der europäische Schund, berechnet auf einen
gänzlich ungebildeten Geschmack, ist nahezu verschwunden. Heute kauft man euro
päische Luxuswaren in den glänzenden Magazinen des Petersburger Newski oder
der Moskauer Schmiedebrücke, zwar zu hohen Preisen, aber in Qualitäten, die selbst
den Kenner befriedigen.
Eine Folge der verbesserten Verkehrsverhältnisse ist das breitere Auftreten von
Naturprodukten auf der Messe, — Naphtha, Fische, russische Weine, Rohbaum
wolle usw. Sie alle dienen dem inneren Verkehr. Dagegen ist der Ausfuhrhandel
mit Rohprodukten nach Europa dem Meßverkehr entzogen. Die einzige Ausnahme
bildet das Pelzwerk, dessen asiatisches Produktionsgebiet dem regulären europäischen
Handel wenig zugänglich ist.