232
Zweiter Teil. Handel. X. Die Börse.
X. Die Börse.
Vorbemerkung, v. Philippovich, Grundriß der politischen Ökonomie. 2. Bd.
2. Teil. 3. Ausl. Tübingen, I. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1907. S. 161: „Börsen
sind Märkte, an denen Geschäfte über Waren abgeschlossen werden, die auf dem Markte nicht
vorhanden sind, die auch nicht konkret und individuell bestimmt sind, so daß also ein Kauf
und Verkauf gewisser Quantitäten von Waren, die nur ihrer Art nach bekannt sind, erfolgt.
Solche Geschäfte setzen natürlich voraus, daß die Ware, um die es sich handelt, so geartet ist,
daß ihre einzelnen Quantitäten der Qualität nach vollkommen gleich sind, so daß sie sich gegen
seitig vertreten können. Man nennt daher die Börse auch den Markt für vertretbare Tausch
güter (Ehrenberg). Solche Warenarten gibt es auf dem Gebiete der Rohstoffe, Halbfabrikate
und nichtdifferenzierten Genußgüter (Getreide, Baumwolle, Eisen, Zucker, Spiritus) und auf
dem Gebiete der Wertpapiere (Staatsschuldverschreibungen, Aktien, Zahlungsmittel) . . . .
Man pflegt Wertpapier- (Effekten- oder Fonds-) Börsen und Waren-
(Produkten-) Börsen zu unterscheiden, entsprechend den beiden Hauptgruppen von
börsenfähigen Waren. Auf der Wertpapierbörse werden Aktien, Staatspapiere und Schuld
verschreibungen, Pfandbriefe, Wechsel, Banknoten, Papiergeld, Münzen und Edelmetalle ge
handelt, auf den Warenbörsen die verschiedenen Sachgüter, welche den börsenmäßigen Handel
zulassen, wobei dann, wenn sich der Handel auf die eine oder andere dieser Güterarten be
schränkt, die Warenbörse selbst ihren besonderen Namen danach erhält: Getreide-, Spiritus-,
Zucker-, Kaffee-, Baumwollbörse. Es ist aber nicht notwendig, daß diese beiden Gruppen von
Börsen auseinanderfallen und getrennt nebeneinander bestehen." — G. M.
1. Die Börse nach Iola.
Von Gustav Cohn.
Cohn, Zur Börsenreform. In: Beiträge zur deutschen Börsenresorm. Leipzig,
Duncker & Humblot, 1895. S. 3—6.
Emile Zola hat in einem seiner Romane mit der ihm eigenen „wissenschaft
lichen" Methode die Wirklichkeit der Börse bis in die intimen Einzelheiten ihrer
Technik hinein zu schildern versucht. Im Mittelpunkte steht eine jener Spekulanten
naturen, deren Talent nicht sowohl in der schöpferischen Kraft fruchtbringender Ge
danken als in der produktiven Ausbeutung fremder Ideen sich entfaltet; in der
Virtuosität, mit der man ein neues Projekt in Szene setzt, Meinung dafür macht,
Anhänger und Kapitalien heranzieht, die Hoffnung nährt, die Erwartungen steigert,
um dann zuletzt, wenn am Ende alles zusammenbricht, aus der Vernichtung immer
wieder emporzusteigen zu neuen Spekulationen und neuen Erfolgen.
In einem Momente des tiefen Sturzes lernen wir den Helden von Zolas
Roman kennen: schon nach wenigen Wochen steht er an der Spitze einer „Uunque
Universell«", welche, kirchliche und lukrative Zwecke verknüpfend, die Kultur des
Gelobten Landes im großen Stile durchführen soll. Die Verwertung des religiösen
Elementes bei der Gründung dieses Unternehmens ist nur ein Stück in dem Zu
sammenhange mannigfaltiger Kunstgriffe der Täuschung und des Betruges. Der
ganze Kreis der Persönlichkeiten, welcher sich um die Hauptfigur zu dem großen
Unternehmen zusammenschließt, enthält fast ohne Ausnahme Leute von ähnlicher
Anrüchigkeit. Der einzige anständige Mensch ist bezeichnenderweise der Erfinder
der Idee, — der Ingenieur, welcher aus seiner früheren Tätigkeit in der Levante
die Überzeugung von dem Bedürfnisse neuer Verkehrsmittel für das ferne Land