1. Die Börse nach Zola. 233
mitgebracht hat, welcher bis znm letzten Augenblicke ohne Verständnis von den
Manövern der Börse bleibt.
Und ebenso ist die Art der wirklichen Geschäfte, welche die neue Bank zustande
bringt. Nicht gewinnreiche Erfolge der geplanten Unternehmung, sondern eine
durch Jahre fortgesetzte Reklame, welcher es gelingt, die Aktien der Bank in fabel
hafte Höhe hinaufzutreiben, — bis dann endlich kommt, was kommen muß, bis die
Seifenblase platzt und der Held ins Gefängnis wandert. Der schwindelhafte Glanz,
in dem er einige Jahre gelebt, wird bezahlt durch den Untergang der vielerlei
Existenzen, die dem Irrlicht gefolgt sind. Doch auch dieses ist das Ende nur eines
Aktes in dem Drama; bereits dämmert im Hintergründe die Morgenröte neuer
Triumphe, nur auf verändertem Schauplatz, herauf.
Der Dichter aber legt dem Helden die Worte in den Mund: „Die Spekulation
ist das Herz, welches das Blut des Wirtschaftslebens, das Geld, ansammelt aus
tausend kleinen Kanälen, um es nach allen Richtungen ausströmen zu lassen und die
großen Werke der Zivilisation zu ermöglichen. ... Es bedarf eines großen Projekts,
um die Phantasie zu ergreifen; es bedarf der Hoffnung auf großen Gewinn, um die
Leidenschaften zu entzünden, um die Kapitalien anzulocken. . . . Die Gefahr des
Verlustes, was schadet sie? Sie verteilt sich auf viele, je nach dem Vermögen und
dem Wagmut der einzelnen, und die Menschheit hat keine unauslöschlichere Sehn
sucht als die, das Glück zu versuchen!"
Indessen, noch eine andere Stimme läßt der Dichter uns vernehmen. Es ist
die Stimme des begeisterten Schülers von Karl Marx. „Jawohl", ruft dieser dem
Börsenhelden zu, „Ihr arbeitet für uns, ohne es zu ahnen. . . . Ihr beutet die Masse
des Volkes aus, und wenn Ihr Euch vollgesogen haben werdet, dann wird uns nur
übrigbleiben, Euch zu expropriieren. . . . Jedes Monopol, jede Zentralisation führt
zum Kollektivismus; der Kollektivismus ist die Umwandlung der Privatkapitalien,
die von den Kämpfen der Konkurrenz leben, in ein einziges Gesellschaftskapital, das
durch die Arbeit aller bewegt wird, . . . eine gemeinsame Produktion in den
Fabriken und auf den Feldern, wo jeder arbeitet nach seiner Fähigkeit und jedem
entgolten wird nach seiner Anstrengung. Mit der Konkurrenz und dem Privat
kapital fallen auch die Geschäfte aller Art, kein Handel, keine Kontrakte, keine Börsen.
Die Idee des Gewinnes hat keinen Sinn mehr; die Quellen der Spekulation, der
Renten, die man ohne Arbeit gewinnt, sind dann versiegt."
Hier haben wir also die Alternative. Sie ist keineswegs neu. Aber daß sie
zum Gegenstände eines großen Romanes gemacht wird, ist — neben manchen
ähnlichen Erscheinungen der heutigen Literatur — bemerkenswert. Wenn die Alter
native jemals zuvor in ihrer ganzen Schroffheit hingestellt worden ist, hier hat der
überspannte Naturalismus des Dichters das Seinige hinzugetan.
Wie stehen wir zu dieser Fragestellung? Gibt es in der Tat nur die Wahl,
welche der französische Dichter uns läßt in den Fußspuren des konsequenten
Sozialismus?
Wir gestatten uns hier zweierlei Einschränkungen, eine: tatsächlicher Art, und
eine: prinzipieller. Das Tatsächliche, das Zola vorführt, ist gleich allem, was uns feine
Romane als Wirklichkeit malen, ein Zerrbild der Wirklichkeit. Es ist jedes ins
Unglaubliche gesteigert, und keiner, der die Dinge kennt, wird so etwas für möglich
halten. Ein Unternehmen von solcher Schwindelhaftigkeit, von so überspannten
Zielen; ein Publikum von solch kindischer Leichtgläubigkeit, so verblendet durch die
Lust am Gewinne, so schrankenlos in seinen Hoffnungen; ein Kreis von Persön
lichkeiten an der Spitze des Unternehmens, meistens Leuten, die nicht bloß, wie jener
Wiener Spekulant, nach dem eigenen Zeugnis, mit dem Ärmel das Zuchthaus ge
streift haben, sondern in Wahrheit alle verdienten, darinnen zu sitzen; Geschäfts-