Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter Teil. Handel. X. Die Börse. 
Praktiken, die von Anfang bis zu Ende Ausgeburten der Lüge und des leeren Scheines 
sind und dennoch jahrelang gedeihen, — das ist eine Utopie der heutigen Erwerbs 
gesellschaft, wie der Roman Bellamys und ähnlicher Schwärmer Utopien der künftigen 
Gesellschaft sind. Man kann ein recht offenes Auge für die wirklichen Gebrechen 
dieser Sphäre haben, jeder erfahrene Blick erkennt in jenem Phantasiegemälde die 
Andeutungen der wirklich vorhandenen tiefen Schäden; aber so arg ist die Wirk 
lichkeit nicht. 
Und dann, was wichtiger, das prinzipielle Bedenken. Es handelt sich um den 
Punkt, an dem der Naturalismus des Dichters und der Naturalismus der sozialistischen 
Ethik ineinander laufen. Es handelt sich um die große Grundfrage der Volkswirt 
schaft und der Gesellschaft, ob auf dem Boden des heutigen Erwerbslebens wilde 
Naturgewalten sich austoben, die ihren Bändiger nicht anders zu finden vermögen 
als durch die Beseitigung dieser Gesellschaft selber in dem sozialistischen Staate, oder 
ob nicht vielmehr schon in der gegenwärtigen Gestaltung des Wirtschaftslebens und 
jedes einzelnen seiner Organe sittliche Gewalten die natürlichen Triebe gebunden 
halten, ob diese sittliche Bindung nicht eine fortschreitende ist, und ob nicht auf dem 
Boden der bestehenden Gesellschaft die Reformen möglich sind? 
In Zolas Roman findet sich ein kleiner Zug, welcher lehrreich ist für das, was 
hier in Frage steht. Einer der wenigen wirklichen Gewinne, die während der Jahre 
ihres Bestehens die „Laugue Universelle“ erbeutet, entspringt dem Verrate eines 
Depeschengeheimnisses aus dem Ministerium, das ein Bekannter des Ministers auf 
gefangen und dem Direktor der Bank zugetragen hat. Der Dichter hat hier — 
vielleicht unbewußt — die merkwürdige Voraussetzung zugestanden, daß in der 
Welt des Zweiten Kaiserreichs, deren allseitige Verkommenheit sein großer Roman- 
zyklus darstellen will, die Minister selber über die lukrative Ausbeutung diplomatischer 
Nachrichten erhaben sind. Man weiß allgemein, daß nur wenige Jahrzehnte zu 
vor ein Monarch über Frankreich geherrscht hat, der über den Verdacht einer ähnlichen 
Handlungsweise nicht erhaben war. Wenn nun, erlaube ich mir zu folgern, ein 
so finsterer Beobachter diesen sittlichen Fortschritt gleichsam als etwas Selbstver 
ständliches einräumt, ist dann überhaupt der Glaube so töricht, der auf einen sittlichen 
Fortschritt und auf heilende Reformen in diesem ganzen Gebiete sich richtet? 
Die Erfahrung gibt in der Tat solchem Glauben manche kräftigere Stütze als 
jene Stelle des Romans. 
2. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse. 
Von Johannes Kaempf. 
Kaempf, Börsengesetz und Reichsstempelgesetz. jRede.j In: 30. Vollversammlung 
des Deutschen Handelstags in Berlin am 24. und 25. März 1904. Stenographischer Bericht. 
Berlin, Liebheit & Thiesen, 1904. S. 8—11. 
Seit etwa anderthalb Jahrzehnten stehen wir unter dem Banne der An 
schauung, daß die Börse eine überflüssige Gesellschaft von Spekulanten, und daß 
das Börsengeschäft minderwertig sei gegenüber anderen Geschäftszweigen. Wer dies 
behauptet, haftet mit seinem Urteil an der Oberfläche der Dinge. Diese Auffassung 
ist irrtümlich, sie ist grundfalsch. 
Die Börse soll der Mittelpunkt und der Vermittlungspunkt fein für alle Trans 
aktionen des mobilen Kapitals. Sie soll alle diese Geschäfte sachgemäß und so aus 
führen, daß die wirtschaftlichen Zwecke, denen das mobile Kapital dient, möglichst 
schnell sichergestellt werden. Nun ist aber das mobile Kapital in der ganzen Welt.
	        
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