Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter Teil. Handel. X. Die Börse. 
Eisenbahnprojekte, „die dem Handel und Gewerbe die nötigen Betriebskapitalien 
entziehen". Und im Mai 1844 erfolgte seitens der preußischen Regierung ein radi 
kaler Schritt, wie er damals genannt wurde: Es wurde eine Verordnung erlassen, 
welche alle Zeitgeschäfte in Eisenbahnpromessen, Jnterimsscheinen, Quittungsbogen 
für null und nichtig erklärte und den vereidigten Maklern die Vermittlung solcher 
Geschäfte bei Strafe der Amtsentziehung untersagte, ferner alle Geschäfte in aus 
ländischen Wertpapieren den vereidigten Maklern zu vermitteln verbot und Klagen 
daraus für null und nichtig erklärte. 
Der Zwang der Verhältnisse ist stärker gewesen als alle Verordnungen. Diese 
Verordnungen haben nicht innegehalten werden können, weil sie gegen die Not 
wendigkeit verstießen, die das wirtschaftliche Leben der Börse auferlegte, und es ist 
dahin gekommen, daß diese Verordnungen in der Versenkung verschwunden sind, bis 
sie im Jahre 1860 auch offiziell wiederaufgehoben wurden. 
In gewöhnlichen Zeiten treten die Mängel, die sich aus dem Fehlen des Termin 
handels ergeben, schon stark genug hervor; wir haben das im Laufe der letzten 
Monate und letzten Jahre deutlich gesehen. Kommt aber einmal eine ernstliche poli 
tische Krisis oder gar ein Krieg über Deutschland, dann kann die wirtschaftliche 
Stärke des Deutschen Reiches nicht aufrecht erhalten werden ohne eine starke Börse 
mit einem kräftigen Terminhandel. Es ist ausgeschlossen, daß die Versorgung des 
Landes und Heeres mit Brotgetreide in einem solchen Falle wirksam herbeigeführt 
werden kann, wenn dazu nicht ein in Blüte stehender Terminhandel hilft. 
Auch nach einer anderen Richtung hin bietet die Unterdrückung oder Beschrän 
kung des Terminhandels die erheblichsten wirtschaftlichen Nachteile. Der Termin 
handel ist die Form, in welcher sich die Spekulation in Werten des mobilen Kapitals 
unter möglichster Schonung der allgemeinen Geldverhältnisse vollziehen kann; das 
Verbot des Terminhandels in Anteilen von Bergwerks- und Fabrikunternehmungen 
hat dies in den letzten Jahren auf das deutlichste gezeigt. Es wird immer im Inter 
esse von Handel und Industrie, im Interesse der Landwirtschaft, im Interesse der 
Staaten bezüglich ihrer Anleihen nach einem billigen Kredit, nach billigem Geld 
gerufen. Billiges Geld und ein gesundes Kreditsystem des Landes sind nur dann 
möglich, wenn sich die wirtschaftlichen Geschäfte möglichst ohne Inanspruchnahme von 
Umlaufsmitteln vollziehen. Der ganze Zweck, den z. B. unsere Reichsbank mit ihren 
Giroeinrichtungen verfolgt, ist darauf gerichtet, Umlaufsmittel entbehrlich zu machen. 
Die Umlaufsmittel sollen sich konzentrieren in den Tresors der Zentralbanken, also bei 
uns in der Reichsbank. Je weniger Umlaufsmittel gebraucht werden, desto billiger, 
je mehr Umlaufsmittel gebraucht werden, desto teuerer ist das Geld. 
Durch die Beschränkung des Terminhandels ist die Spekulation auf das Kassa 
geschäft hingedrängt worden. Zur Bewältigung eines großen Kassageschäfts gehören 
Umlaufsmittel. Die Folge dieser Verschiebung ist also eine Verteuerung des Geldes, 
und alle Zweige des wirtschaftlichen Lebens haben darunter zu leiden. 
Es ist klar, daß die Beschränkung des Börsenterminhandels nicht der allei 
nige Grund dafür ist, daß im Laufe der letzten Jahre das Geld in Deutschland 
teuer gewesen ist; es wäre Torheit, das behaupten zu wollen. Aber einer der 
Gründe für die Verteuerung des Geldstandes im Deutschen Reich ist jedenfalls die 
Einschränkung des Terminhandels gewesen. 
Es würde aus dem Rahmen meiner Ausführungen herausfallen und zu weit 
führen, wenn ich alle Vorteile, die der Terminhandel in sich birgt, hier ausführlich 
behandeln wollte. Ich glaube aber, auf einige wenige Punkte vorübergehend hin 
weisen zu können. Ich glaube darauf hinweisen zu können, daß der Terminhandel 
eine preisausgleichende Wirkung hat, daß der Terminhandel die Möglichkeit in sich 
birgt, plötzliche und sprungweise Kursschwankungen zu mildern; ich glaube, darauf
	        
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