Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8. Der Giroverkehr der Reichsbank. 
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ein der Mühewaltung entsprechendes Guthaben hält. Ein bestimmter Maßstab 
hierfür ist zwar nicht gegeben, die Höhe der Guthaben läßt sich vielmehr erst bestimmen 
nach Art und Umfang, in welchem der Konteninhaber die Dienste der Bank in An 
spruch nimmt. Indessen wird die Eröffnung von Girokonten für Kaufleute von einer 
vorherigen Verständigung über die Höhe des der Bank in der Regel zu belassenden 
Mindestguthabens abhängig gemacht, welches an kleineren Orten nicht unter 1000 Jl 
herabsinken, an größeren Handelsplätzen aber mehrere Tausend Mark betragen soll.*) 
Steigen die Umsätze auf dem Konto über das entsprechende und erwartete Maß 
hinaus und findet die Bank sich auch anderweitig nicht ausreichend entschädigt, so 
kann sie den Konteninhaber anhalten, sein Guthaben entsprechend zu verstärken. Die 
Bank kann ein Konto jederzeit ohne Angabe von Gründen kündigen, wozu haupt 
sächlich eine mißbräuchliche Benutzung desselben führen kann. 
Am 10. April 1876 konnte der Giroverkehr auf dieser Grundlage in Berlin 
und bei sämtlichen selbständigen Bankanstalten eröffnet werden. Der neue Geschäfts 
zweig begann sogleich mit einem ausgedehnten Kreise von Interessenten. Die Mittel, 
welche der Bank aus seiner Pflege zuflössen, erhöhten sich in rascher Folge. Die 
Giroguthaben hatten, soweit sie sich aus Privatguthaben zusammensetzten, am 
1. Januar 1876, nach Übernahme der großen Bestände der Hamburger Girobank, 
den Betrag von 16 Millionen Jl um weniges überstiegen, betrugen aber schon am 
31. Mai, kaum zwei Monate nach der allgemeinen Einführung des Verkehrs, über 
94,3 Millionen Jl. 
Durch die planmäßig durchgeführte Organisation des Giroverkehrs ist es der 
Reichsbank gelungen, diesen Geschäftszweig zu großer Entfaltung zu bringen. Die 
Umsätze im Giroverkehr, welche im Jahre 1875 bei der Preußischen Bank nur 834 
Millionen Jl, bei der Hamburger Bank 2658 Millionen Jl betragen hatten, haben sich 
im ersten Jahre des Bestehens der Reichsbank auf 16,7 Milliarden Jl und bis zum 
Jahre 1900 auf 164 Milliarden Jl gehoben. Die Zahl der Konten, welche die Reichs 
bank von den genannten Instituten übernommen hatte, betrug insgesamt nicht viel 
mehr als 700. Sie steigerte sich noch im Jahre 1876 auf 3245 und bis zum Ende 
des Jahres 1900 auf 15 847.**) 
Die aufsteigende Entwickelung vollzog sich indessen nicht ununterbrochen. Nach 
dem die Zahl der Teilnehmer schon seit Ende der siebziger Jahre nahezu stabil ge 
blieben war, trat im Jahre 1882 sowohl in den Umsätzen wie in den Guthaben ein 
Rückgang ein, der um so bemerkenswerter ist, als gerade in diesem Jahre die Ge 
schäftstätigkeit eine ungewöhnlich starke war. Seitdem ist nur noch im Jahre 1892 
eine vorübergehende Abnahme der Umsätze eingetreten, offenbar im Zusammenhange 
mit der wirtschaftlichen Depression dieses Jahres. 
Wenn man im großen Ganzen den Gang des wirtschaftlichen Lebens mit der 
Entwickelung des Giroverkehrs vergleicht, so ist ein Zusammenhang allerdings nicht 
immer deutlich festzustellen. Die ziffermäßige Entwickelung des Giroverkehrs war bis 
jetzt noch überwiegend durch den fortschreitenden Ausbau des Systems, in letzter Zeit 
namentlich durch seine Ausdehnung auf immer weitere Plätze und die Einbeziehung 
von Staatskassen in den Giroverkehr bedingt, und gegenüber diesen Faktoren kam 
die wirtschaftliche Entwickelung nicht zu einem ausschlaggebenden Einflüsse. 
*) Neuerdings hat sich das Reichsbankdirektorium kleineren Firmen gegenüber bei der 
Eröffnung eines Girokontos in einzelnen Fällen mit einem Mindestguthaben von 500 M 
begnügt. — G. M. 
**) Im Jahre 1911 wurden im Giro- und Anweisungsverkehre 339 Milliarden Ji um 
gesetzt; die Zahl der Konteninhaber betrug am Ende desselben Jahres 24 974. Verwaltungs 
bericht der Reichsbank für das Jahr 1911. Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei, 
[19121. S. 18 und S. 5. - G. M.
	        
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