Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8.  Der  Giroverkehr  der  Reichsbank.

297

ein  der  Mühewaltung  entsprechendes  Guthaben  hält.  Ein  bestimmter  Maßstab
hierfür  ist  zwar  nicht  gegeben,  die  Höhe  der  Guthaben  läßt  sich  vielmehr  erst  bestimmen
nach  Art  und  Umfang,  in  welchem  der  Konteninhaber  die  Dienste  der  Bank  in  Anspruch ­
  nimmt.  Indessen  wird  die  Eröffnung  von  Girokonten  für  Kaufleute  von  einer
vorherigen  Verständigung  über  die  Höhe  des  der  Bank  in  der  Regel  zu  belassenden
Mindestguthabens  abhängig  gemacht,  welches  an  kleineren  Orten  nicht  unter  1000  Jl
herabsinken,  an  größeren  Handelsplätzen  aber  mehrere  Tausend  Mark  betragen  soll.*)
Steigen  die  Umsätze  auf  dem  Konto  über  das  entsprechende  und  erwartete  Maß
hinaus  und  findet  die  Bank  sich  auch  anderweitig  nicht  ausreichend  entschädigt,  so
kann  sie  den  Konteninhaber  anhalten,  sein  Guthaben  entsprechend  zu  verstärken.  Die
Bank  kann  ein  Konto  jederzeit  ohne  Angabe  von  Gründen  kündigen,  wozu  hauptsächlich ­
  eine  mißbräuchliche  Benutzung  desselben  führen  kann.
Am  10.  April  1876  konnte  der  Giroverkehr  auf  dieser  Grundlage  in  Berlin
und  bei  sämtlichen  selbständigen  Bankanstalten  eröffnet  werden.  Der  neue  Geschäftszweig ­
  begann  sogleich  mit  einem  ausgedehnten  Kreise  von  Interessenten.  Die  Mittel,
welche  der  Bank  aus  seiner  Pflege  zuflössen,  erhöhten  sich  in  rascher  Folge.  Die
Giroguthaben  hatten,  soweit  sie  sich  aus  Privatguthaben  zusammensetzten,  am
1.  Januar  1876,  nach  Übernahme  der  großen  Bestände  der  Hamburger  Girobank,
den  Betrag  von  16  Millionen  Jl  um  weniges  überstiegen,  betrugen  aber  schon  am
31.  Mai,  kaum  zwei  Monate  nach  der  allgemeinen  Einführung  des  Verkehrs,  über
94,3  Millionen  Jl.
Durch  die  planmäßig  durchgeführte  Organisation  des  Giroverkehrs  ist  es  der
Reichsbank  gelungen,  diesen  Geschäftszweig  zu  großer  Entfaltung  zu  bringen.  Die
Umsätze  im  Giroverkehr,  welche  im  Jahre  1875  bei  der  Preußischen  Bank  nur  834
Millionen  Jl,  bei  der  Hamburger  Bank  2658  Millionen  Jl  betragen  hatten,  haben  sich
im  ersten  Jahre  des  Bestehens  der  Reichsbank  auf  16,7  Milliarden  Jl  und  bis  zum
Jahre  1900  auf  164  Milliarden  Jl  gehoben.  Die  Zahl  der  Konten,  welche  die  Reichsbank ­
  von  den  genannten  Instituten  übernommen  hatte,  betrug  insgesamt  nicht  viel
mehr  als  700.  Sie  steigerte  sich  noch  im  Jahre  1876  auf  3245  und  bis  zum  Ende
des  Jahres  1900  auf  15  847.**)
Die  aufsteigende  Entwickelung  vollzog  sich  indessen  nicht  ununterbrochen.  Nachdem ­
  die  Zahl  der  Teilnehmer  schon  seit  Ende  der  siebziger  Jahre  nahezu  stabil  geblieben ­
  war,  trat  im  Jahre  1882  sowohl  in  den  Umsätzen  wie  in  den  Guthaben  ein
Rückgang  ein,  der  um  so  bemerkenswerter  ist,  als  gerade  in  diesem  Jahre  die  Geschäftstätigkeit ­
  eine  ungewöhnlich  starke  war.  Seitdem  ist  nur  noch  im  Jahre  1892
eine  vorübergehende  Abnahme  der  Umsätze  eingetreten,  offenbar  im  Zusammenhange
mit  der  wirtschaftlichen  Depression  dieses  Jahres.
Wenn  man  im  großen  Ganzen  den  Gang  des  wirtschaftlichen  Lebens  mit  der
Entwickelung  des  Giroverkehrs  vergleicht,  so  ist  ein  Zusammenhang  allerdings  nicht
immer  deutlich  festzustellen.  Die  ziffermäßige  Entwickelung  des  Giroverkehrs  war  bis
jetzt  noch  überwiegend  durch  den  fortschreitenden  Ausbau  des  Systems,  in  letzter  Zeit
namentlich  durch  seine  Ausdehnung  auf  immer  weitere  Plätze  und  die  Einbeziehung
von  Staatskassen  in  den  Giroverkehr  bedingt,  und  gegenüber  diesen  Faktoren  kam
die  wirtschaftliche  Entwickelung  nicht  zu  einem  ausschlaggebenden  Einflüsse.

*)  Neuerdings  hat  sich  das  Reichsbankdirektorium  kleineren  Firmen  gegenüber  bei  der
Eröffnung  eines  Girokontos  in  einzelnen  Fällen  mit  einem  Mindestguthaben  von  500  M
begnügt.  —  G.  M.
**)  Im  Jahre  1911  wurden  im  Giro-  und  Anweisungsverkehre  339  Milliarden  Ji  umgesetzt; ­
  die  Zahl  der  Konteninhaber  betrug  am  Ende  desselben  Jahres  24  974.  Verwaltungsbericht ­
  der  Reichsbank  für  das  Jahr  1911.  Berlin,  gedruckt  in  der  Reichsdruckerei,
[19121.  S.  18  und  S.  5.  -  G.  M.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.