Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1. Der gegenwärtige Stand des kaufmännischen Unterrichtswesens rc. 327 
mehr das einfache Bedürfnis des Lesers oder des Kundenkreises ist für die Qualität 
dieser Ware maßgebend, sondern die sehr komplizierten Konkurrenzverhältnisse des 
Publizitätsmarktes. Auf diesem Markte spielen aber, wie auf den Großhandels 
märkten überhaupt, die Warenkonsumenten, die Zeitungsleser nicht direkt mit; aus 
schlaggebend für die Güte der Ware sind die Großhändler und Spekulanten der Pu 
blizität: die Regierungen, die von ihnen abhängigen Telegraphenbureaus, die auto- 
graphierten Korrespondenzen, die politischen Parteien, die künstlerischen und wissen 
schaftlichen Cliquen, die Börsenmänner und zuletzt, aber nicht am wenigsten, die 
Annoncenagenturen und einzelne große Inserenten. 
Jede Nummer eines großen Tagesblattes, die heute erscheint, ist ein Wunder 
werk der kapitalistisch organisierten volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung und der 
maschinellen Technik, ein Mittel des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs, in dem sich 
die Wirkungen aller anderen Verkehrsmittel: der Eisenbahn, der Post, des Telegraphen 
und des Fernsprechers wie in einem Brennpunkte vereinigen. Aber wie auf keiner 
Stelle, wo der Kapitalismus sich mit dem Geistesleben berührt, unser Auge mit Be 
friedigung verweilen mag, so können wir uns auch dieser Errungenschaft der modernen 
Kultur nur mit halbem Herzen freuen, und es wird uns schwer, zu glauben, daß die 
Zeitung in ihrer heutigen Ausgestaltung die höchste und letzte Form der Nachrichten 
vermittlung zu bilden bestimmt sei. 
XV. kaufmännisches Unterrichlswesen. 
1. Der gegenwärtige Stand des kaufmännischen 
Unterrichtswesens in Deutschland. 
Bon Karl von der Aa. 
Bereits im 18. Jahrhundert traten vielfache Bestrebungen hervor, dem Kauf 
wanne eine für seinen Berus besonders geeignete Bildung zu verschaffen. Das geschah 
einerseits durch Angliederung besonderer Handelsfachabteilungen an die in der 
Entstehung begriffenen Realschulen, andererseits durch Einrichtung von Schulen, die 
dem lernenden Kaufmanne die erforderliche theoretische Fachbildung darboten. 
Besonderen Ruf erwarben die Schulen in Hamburg, Magdeburg und Berlin. Ein 
einheitlicher Schultypus bildete sich jedoch nicht heraus; ebensowenig ist eine allgemeine 
Verbreitung der Kaufmannsschulen zu bemerken. 
In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts setzte eine kräftige Ent 
wickelung des Handelsschulwesens ein, die von Dauer war und namentlich nach dem 
großen Kriege neue Anregung erfuhr. Zu einer einheitlichen Gestaltung desselben 
ist es jedoch nicht gekommen. Der Grund hierfür ist besonders darin zu suchen, daß 
die Schulen von Privaten und den verschiedensten Vereinigungen ins Leben gerufen 
wurden, bis vor einigen Jahrzehnten auf sich selbst angewiesen waren und der staat 
lichen Beaufsichtigung und Regelung durchweg entbehrten. Als Träger kaufmännischer 
Lehranstalten treten heute auf: Handelskammern, Kaufmannsinnungen, Prinzipal- 
vereinigungen, Gehilfenverbände, Großfirmen, Kommunen und zuletzt auch der Staat. 
Daneben bestehen private Schulen. Die neuzeitliche Entwickelung kennzeichnet sich 
dadurch, daß überall der Staat die Schulen durch Geldmittel unterstützt, sie beauf- 
llchtigt, ihre Organisation fördert und für eine zweckmäßige Ausbildung der Lehr 
personen Sorge trägt.
	        
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