Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Der  gegenwärtige  Stand  des  kaufmännischen  Unterrichtswesens  rc.  329

bildung).  Demnach  sind  höhere  und  niedere  Schulen  zu  unterscheiden.  Der  Lehrgang
erstreckt  sich  auf  1,  1  y%  oder  2  Jahre;  wöchentlich  werden  25—40  Unterrichtsstunden
erteilt.  Das  Lehrziel  ist  in  der  Hauptsache  Fachbildung,  daneben  Erweiterung  der
Allgemeinbildung.  Außer  den  bei  den  Handelsfachschulen  genannten  Fächern  treten
hier  folgende  Lehrgegenstände  auf:  Deutsch,  1  oder  2  Fremdsprachen,  Handelsgeschichte, ­
  Warenkunde,  Technologie,  Turnen  usw.  Vielfach  befreit  der  erfolgreiche
Besuch  der  Handelsvorschule  von  der  Verpflichtung  zum  Besuche  der  kaufmännischen
Fortbildungsschule;  indessen  wird  den  Schulen  mit  1  und  Is/e  jährigem  Lehrgänge
diese  Berechtigung  bestritten.
Die  höheren  Handelsschulen  im  eigentlichen  Sinne  sind  Realschulen,
deren  erfolgreiche  Absolvierung  die  Berechtigung  für  den  einjährig-freiwilligen
Militärdienst  verleiht.  Sie  haben  die  Aufgabe,  ihren  Schülern  eine  Allgemeinbildung ­
  zu  vermitteln,  wie  sie  durch  die  Realanstalten  gewährleistet  wird,  und  sie
gleichzeitig  für  den  Handelsberuf  vorzubereiten.  Die  Handelsrealschulen  nach
preußischem  Muster  (Frankfurt  a.  M.,  Köln,  Dessau,  Mannheim,  Stuttgart)  suchen
das  letztgenannte  Ziel  weniger  durch  Einführung  des  Fachunterrichtes,  als  vielmehr
dadurch  zu  erreichen,  daß  sie  ihren  Gesamtunterricht  mit  volkswirtschaftlichem  Geiste
durchdringen  und  ihre  Schüler  zu  wirtschaftlichem  Denken,  Fühlen  und  Beobachten
erziehen.  Die  Schulen  sind  in  der  Regel  sechsklassig  und  bieten  die  Möglichkeit,  ihre
Absolventen  in  die  Oberrealschule  überzuleiten.  In  neuerer  Zeit  treten  Bestrebungen
hervor,  diese  Schulen  nach  oben  hin  auszubauen.
Hingegen  betonen  die  höheren  Handelsschulen  nach  sächsischen:
Muster  (Leipzig,  Dresden,  Chemnitz,  Bautzen,  Gera,  München,  Stuttgart  usw.)
den  allgemeinbildenden  Wert  des  Handelsfachunterrichtes.  Dieser  tritt  daher  in  dem
Lehrplane  als  Ersatz  und  Ergänzung  der  allgemeinbildenden  Unterrichtsfächer  auf.
Die  Schulen  find  3  oder  4klassig.  Aufnahmebedingung  ist  mindestens  gute  Bürgerschulbildung ­
  und  die  Vollendung  des  14.  bezw.  13.  Lebensjahres.
Außerdem  bestehen  an  einigen  Realschulen  und  Realgymnasien  Handelsabteilungen, ­
  die  den  letzten  3  Klassen  der  Realschule  gleichlaufen  und  sich  in  ihrem  Lehrplane ­
  an  die  eine  oder  andere  Handelsschulart  anschließen.
3.  Die  Handelshochschulen,  deren  erste  (Leipzig)  1898  gegründet  wurde,
bilden  das  Schlußglied  in  der  Organisation  des  kaufmännischen  Bildungswesens.  Durch
sie  haben  die  Handelswissenschaften  eine  Pflegestätte  gefunden,  in  der  die  geisügen
Fähigkeiten  des  Studierenden  geweckt  und  entwickelt  werden,  seine  Kenntnisse  sich
erweitern  und  das  Verständnis  für  die  großen  Aufgaben  und  Ziele  des  Handels  und
der  Volkswirtschaft  erschlossen  werden  sollen.  So  liegt  der  Hauptzweck  der  Handelshochschulen ­
  nicht  in  der  Vermittelung  handelstechnischer  Kenntnisse,  sondern  in  der
»Schulung  des  Geistes".  Sie  sind  die  hervorragenden  Bildungsstätten  des  führenden
Kaufmannes.  Dem  Konsular-,  Verwaltungs-  und  Handelskammerbeamten  bieten  sie
die  Möglichkeit  vertiefter  handelswissenschaftlicher  Bildung.  Endlich  sind  sie  die  Ausbildungsstätte ­
  für  Handelslehrer,  und  damit  wirken  sie  in  besonderem  Maße  auf  die
weitere  Ausgestaltung  des  gesamten  Handelsschulwesens  ein.
Zum  Studium  sind  zugelassen:  1.  Kaufleute,  die  mindestens  im  Besitze  der  Einjährigen-Berechtigung
  sind  und  eine  ausreichende  praktische  Betätigung  nachweisen
können,  2.  Lehrer,  die  ihre  Wahlfähigkeitsprüfung  mit  gutem  Erfolge  abgelegt  haben,
3.  Absolventen  von  Vollanstalten.  Hochschulen  bestehen  in  Leipzig,  Frankfurt  a.  M.,
Köln,  Berlin,  Mannheim  und  München;  ihnen  reihen  sich  die  Handelshochschulkurse  in
Königsberg  an.
In  vielen  Städten  finden  sich  Einrichtungen,  die  dem  Kausmanne  durch  den
Besuch  von  Vortragskursen  Gelegenheit  bieten,  seine  Bildung  zu  erweitern  und  sich
            
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