Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Wesen  und  Aufgaben  der  Handelshochschule.

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fallen  ihm  noch  andere  bedeutsame  obrigkeitliche  Funktionen  zu;  als  Mitglied  einer
Handelskammer  hat  er  die  Regierung  zu  beraten  in  Fragen,  deren  Bedeutung  für  das
Gesamtwohl  unseres  Volkes  gerade  jetzt  beständig  wächst.
Aber  auch  auf  das  reinpolitische  Gebiet  greift  die  Entwicklung  über.  Für
ein  Volk,  das  im  Interesse  seiner  Selbsterhaltung  auf  die  Bahn  der  Weltpolitik
gedrängt  wird,  d.  h.  —  nach  dem  Bülowschen  Worte  —  für  das  es  ein  Lebensinteresse
ist,  die  erworbenen  großen  überseeischen  Interessen  zu  erhalten  und  zu  entwickeln,  für
ein  solches  Volk  ist  es  von  großer  und  stets  wachsender  Wichtigkeit,  daß  auch  der
Handelsstand  im  Parlament  und  in  der  Regierung  eine  angemessene  Vertretung  finde,
wie  es  in  England  der  Fall  ist,  wo  zahlreiche  Minister  aus  dem  Kaufmannsstande
hervorgegangen  sind.  Bei  uns  ist  das  noch  nicht  der  Fall.  Es  würde  aber  eine  Verkennung ­
  der  Sachlage  fein,  wollte  man  die  Tatsache,  daß  Handel  und  Verkehr  im
öffentlichen  Leben  Deutschlands  nicht  so  vertreten  sind,  wie  es  ihnen  zukommt,  und
wie  es  anderswo  der  Fall  ist,  ausschließlich  aus  Eigentümlichkeiten  der  staatlichen
Organisation  erklären,  wollte  man  nicht  gleichzeitig  anerkennen,  daß  es  in  diesen
Kreisen  bisher  vielfach  an  Persönlichkeiten  fehlt,  die  gewillt  und  befähigt  sind,  eine
Tätigkeit  zu  übernehmen,  die  nicht  in  der  Verfechtung  der  Interessen  des  eigenen
Portemonnaies  ihr  Hauptziel  sieht,  sondern  danach  trachtet,  einen  der  Gesamtheit
förderlichen  Ausgleich  zwischen  den  in  einem  hochentwickelten  modernen  Großstaat
notwendig  sich  widerstreitenden  Interessen  herbeizuführen.  Zumal  da  das  große
Bildungsmoment,  das  in  Vererbung  und  Familienerziehung  liegt,  auf  dem  Gebiete
der  Politik  bisher  nur  in  Kreisen,  die  dem  kaufmännischen  Leben  fernstehen,  zur
Geltung  gekommen  ist,  ist  es  für  die  Vertreter  von  Handel  und  Industrie  wichtig,
daß  sie  nicht  nur  in  ihrer  Berufsbildung,  sondern  auch  in  ihrer  allgemeinen  Bildung
nicht  zurückstehen  hinter  irgendwelchen  politischen  Konkurrenten.  Das  ist  um  so
wichtiger,  als  mit  Recht  gesagt  ist,  daß  das  20.  Jahrhundert  ein  politisches  Jahrhundert
ist,  und  daß,  wer  ihm  gewachsen  sein  will,  politischer  Bildung  bedürfe,  ein  Gedanke,
den  der  leitende  Minister  unseres  verbündeten  Nachbarstaates  fv.  G  o  l  u  ch  o  w  s  k  ij
bekanntlich  vor  wenigen  Jahren  in  den  Worten  ausdrückte:  „Wie  das  16.  und
17.  Jahrhundert  mit  religiösen  Kämpfen  ausgefüllt  waren,  im  18.  die  liberalen
Ideen  zum  Durchbruch  kamen,  wie  das  gegenwärtige  Jahrhundert  durch  die
Nationalitätenfrage  charakterisiert  erscheint,  so  sagt  sich  das  20.  Jahrhundert  für
Europa  als  ein  Jahrhundert  des  Ringens  ums  Dasein  auf  handelspolitischem  Gebiet ­
  an."
So  entwickelt  sich  aus  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  heraus  ein  Bedürfnis
nach  einer  Ergänzung  der  bisherigen  Ausbildung  des  Kaufmannsstandes,  nach  einer
Ergänzung,  die  der  Ausbildung  entspricht,  die  auf  den  Universitäten  den  Juristen,
Medizinern,  Theologen,  Philologen  und  Gelehrten,  auf  den  technischen  Hochschulen
den  Technikern,  auf  den  landwirtschaftlichen  Hochschulen  den  Landwirten,  auf  den
Bergakademien  den  Bergleuten,  auf  den  Forstakademien  den  Förstern  geboten  wird.
Im  ausgedehntesten  Maße  wird  dieses  Bedürfnis  auch  empfunden.  Fast  in  allen
größern  deutschen  Städten  ist  beinahe  gleichzeitig  der  Ruf  nach  Handelshochschulen
hervorgetreten  zur  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses.  Allerdings  hat  es  diesem  Ruf
auch  nicht  an  Widerspruch  gefehlt.
Sehen  wir  ab  von  den  Gründen,  die  gegen  ein  jedes  neue  Unternehmen  ins
Feld  geführt  zu  werden  pflegen,  so  stützt  sich  der  Widerspruch  zum  großen  Teil  darauf,
daß  der  deutsche  Kaufmann,  ohne  Hochschulbildung,  die  Stellung  errungen  hat,  die  er
zum  Stolze  unseres  Volkes  heute  einnimmt,  und  daß  im  Ausland  kein  anderer  Kaufmann ­
  mehr  gerühmt  wird  als  er.  Diesen  Tatsachen  gegenüber  dürfte  jedoch  das
Folgende  zu  beachten  sein.
            
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