Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

endigt  habe.  Daher  der  gerechte  Vorwurf,  die  deutsche  Diplomatie  habe  für  den
deutschen  Handel  so  gut  wie  gar  nichts  getan.  Als  einigen  Ersatz  hierfür  empfiehlt
schon  Möser  ein  Pionieren  der  Privatkaufleute,  wie  es  neuerdings  mit  glänzendem
Erfolge  z.  B.  die  Bremer  getrieben  haben.
Die  „Trostgründe  beim  zunehmenden  Mangel  des  Geldes",  mit  der  Unterschrift:
Johann  Jakob  .  .  .  versehen,  enthalten  eine  geistreiche  Zusammenstellung  aller
Schattenseiten  des  Geldes.  Erst  nach  dessen  Erfindung  sei  jede  übermäßige  Zentralisierung, ­
  Schätzesammeln,  hohe  Steuern,  stehende  Heere  möglich  geworden;  ebenso
Geiz  und  Verschwendung,  lange  Prozesse  und  Kriege,  tiefgehende  Standesverschiedenheiten ­
  ohne  entsprechenden  persönlichen  Grund,  Verschuldungen  rc.  „Wie
mäßig,  wie  ruhig,  wie  sicher  werden  wir  leben,  wenn  wir  ohne  Geld  alles  wieder  mit
Korn  bezahlen  können!"  Freilich  erhellt  der  ironische  Charakter  dieser  ganzen  Erörterung ­
  aus  der  später  beigefügten  Nachschrift:  „Ich  hoffe,  meine  Leser  werden  dem
Sophisten  zu  Gefallen,  wenn  sie  auch  dessen  Gründe  nicht  beantworten  können,  keinen
Kreuzer  wegwerfen.  Ich  wünsche  aber  auch,  daß  sie  die  Deklamationen  der  Freigeister ­
  unserer  Zeit  gegen  die  Grundwahrheiten  der  Religion  und  Moral  mit  einer
gleichen  Wirkung  lesen  mögen."  Auch  ist  Möser  bei  aller  sonstigen  Abneigung  wider
das  Generalisieren  der  Ansicht,  daß  sich  „vielleicht  wesentliche  Teile  der  Polizei,  als
Münzen  und  Maße,  zu  einer  Gleichförmigkeit  bringen  ließen,  so  groß  und  mannigfaltig ­
  auch  die  Schwierigkeiten  sind,  welche  hier  dem  Auge  des  theoretischen  Projektenmachers ­
  entwischen".
Mösers  Vorliebe  für  Standesunterschiede  zeigt  sich  auf  dem  Gebiete
des  Handels  in  der  scharfen  Grenze,  die  er  zwischen  Kaufmann  und  Krämer  zieht.
Während  der  Krämer  nach  den  Handwerkern  rangieren  und  von  allen  höheren
Ehrenstellen  ausgeschlossen  sein  soll,  dürfen  die  Ehre  des  Kaufmanns  nur  solche  genießen, ­
  die  für  eine  bestimmte  Summe  einheimische  Produkte  jährlich  außer  Landes
absetzen  oder  einheimische  Fabrikanten  mit  Rohstoff  versehen  oder  auch  sonst  einen
großen  Handel  von  außen  nach  außen  treiben.  Die  Gebundenheit  des  ältern  Handels
an  Korporationen  ist  Möser  gleichfalls  teuer.  Vortrefflich  erklärt  er  die  Einrichtung ­
  der  mittelalterlichen  Handelskompagnien,  mit  ihren  Konvois,  ihren  Stapelplätzen, ­
  überhaupt  ihren  Privilegien,  aus  dem  Bedürfnisse  der  Sicherheit.  Aber  auch
seinerzeit  möchte  er  z.  B.  die  Beziehung  guten  Kleesamens  oder  auswärtigen  Getreides ­
  am  liebsten  Aktiengesellschaften  nach  Art  der  englischen  oder  holländischen
Ostindien-Kompagnie  anvertrauen.  Selbst  das  jus  a  1  b  i  n  a  g  i  i  findet  er  unter
mittelalterlichen  Verhältnissen  „in  der  höchsten  Billigkeit  beruhend".  Die  unbedingte
Aufhebung  desselben  in  Frankreich  1790,  selbst  gegen  Länder,  welche  nicht  Reziprozität ­
  gewähren,  scheint  ihm  eine  große  Torheit.  Außerordentlich  schön  und  tief  in
die  Zustände  halb  entwickelter  Volkswirtschaften  eindringend  ist  die  Klage  wider  die
P  a  ck  e  n  t  r  ä  g  e  r,  die  Schutzrede  für  sie  und  das  Endurteil  darüber,  welches  dahin
geht,  daß  Ausländer  bloß  auf  den  Jahrmärkten  ganz  frei,  sonst  aber  nur  mit  den  in
ihrer  Heimat  selbst  verfertigten  Waren  sollten  hausieren  dürfen.  Ebenso  wichtig  ist
das  Pro  und  Contra  der  Wochenmärkte,  wobei  aus  der  Klage,  daß  solche
Märkte  die  Selbständigkeit  der  Haushaltungen  untergraben,  der  allgemeine  Widerwille ­
  Mösers  gegen  die  höheren  Formen  des  Verkehrs  und  der  Arbeitsteilung
hervorblickt.
Etwas  Zweideutig  ist  der  Eindruck,  welchen  Mösers  Anempfehlung  des  nur
extensiven  Straßenbaues  macht.  Er  warnt  davor,  wenn  in  kleinen  und  verkehrsarmen ­
  Ländern  gar  zu  viele  Dorfwege  für  Heerstraßen  erklärt  und  diese  alsdann
gar  zu  gut,  d.  h.  zu  kostspielig  eingerichtet  werden.  Hier  sollte  man  nur  im  Frühjahr
und  Herbst  die  nötige  Flickung  vornehmen,  dagegen  im  Sommer  auf  die  Trockenheit,
im  Winter  auf  den  Frost  rechnen.  Hier  sei  es  gar  nicht  unrätlich,  in  Gegenden,  wo
            
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