Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Wesen  und  Aufgaben  der  Handelshochschule.  333

neue  Handelshochschule  in  Köln  das  ganze  Leben  ihrer  Schüler  beeinflussen.  Sie
will  es  vor  allem  verhindern,  daß  im  Leben  des  Kaufmanns  so  früh  ein  toter
Punkt  erreicht  wird,  über  den  hinauszukommen,  die  Kraft  der  nötigen  Schulung
entbehrt.  Daher  liegt  aber  auch  das  Schwergewicht  der  Handelshochschule  nicht  in
den  kaufmännisch-technischen  Fächern,  wie  Buchführung  und  Korrespondenz.  Dieses
mehr  Handwerksmäßige  im  Handel  soll  zwar  nicht  vernachlässigt  werden;  es  läßt  sich
jedoch  auch  anderswo  erlernen;  es  ist  bei  uns  mehr  zweckmäßiges  Beiwerk  als  bestimmend ­
  für  die  Eigenart  unserer  Anstalt.
Auch  denken  wir  in  der  Hochschule  nicht  daran,  bisher  praktisch  erworbene
Kenntnisse  durch  theoretische  vollständig  zu  ersetzen.  Die  Handelshochschule  gibt  sich
nicht  dem  Wahn  hin,  sie  könne  lehren,  wie  man  Geld  verdiene.  Wir  wissen  vielmehr,
daß  das,  was  man  „geschäftlichen  Blick"  nennt,  sich  nicht  lehren  läßt;  und  keine  Hochschule ­
  kann  einen  fertigen  „Disponenten"  erziehen.  Wohl  aber  kann  sie  denen,  die  an
sich  die  Fähigkeiten  zum  Kaufmann  haben,  dazu  verhelfen,  diese  Fähigkeiten  leichter,
vollständiger,  vielseitiger  zu  entwickeln  und  auszunutzen.  Nicht  fertige  Kaufleute  kann
die  Handelshochschule  allein  aus  sich  hervorgehen  lassen,  wie  auch  nicht  fertige  Verwaltungsbeamte, ­
  Richter  und  Rechtsanwälte  die  länger  fesselnde  Universität  verlassen.
Zum  Kaufmann  wie  zum  Verwaltungsbeamten,  zum  Richter  und  zum  Rechtsanwalt
wird  man  nur  in  der  Praxis.  Aber  eine  Ausbildung  wird  erstrebt,  die  in  der  Praxis
möglichst  leicht  und  schnell  und  vollkommen  dazu  werden  läßt.
Das  Schwergewicht  der  Handelshochschule  liegt  daher  in  den  Fächern,  die  nicht
bloße  Fertigkeiten,  sondern  eine  allgemeine  Schulung  des  Geistes  bezwecken.  Wie
die  erste  Handelshochschule  in  Deutschland,  die  im  Jahre  1768  von  Büsch  gegründete
„Hamburgische  Handelsakademie",  auf  der  ein  Alexander  v.  Humboldt  studiert  hat,
die  Devise  trug:  „Zur  Übung  des  Verstandes  und  zur  Verschönerung  des  Lebens",
so  könnten  wir  vielleicht  als  Sinnspruch  für  die  neue  Handelshochschule  in  Köln  die
Worte  Goethes  aus  Wilhelm  Meister  wählen:  „Ich  wüßte  nicht,  wessen  Geist  ausgebreiteter ­
  wäre,  ausgebreiteter  sein  müßte  als  der  Geist  eines  echten  Handelsmannes". ­
  [f.  oben  S.  52.]
Allerdings  soll  alles  Wissen,  das  wir  darbieten,  untergeordnet  werden  dem
Interessenstandpunkt  eines  in  diesem  Goetheschen  Sinne  auf  der  Höhe  seiner  Zeit
stehenden  praktischen  Kaufmanns.  Und  da  die  Städtische  Handelshochschule  zu  Köln
frei  dasteht,  nicht  gebunden  ist  an  ein  älteres,  andern  Interessen  dienendes  Institut
mit  größeren  Vorrechten,  so  kann  sie  frei  und  ungehemmt  der  immer  klareren  und
wirksameren  Ausgestaltung  dieses  einen  Zweckes  sich  widmen.  So  hofft  sie,  neue
Brücken  zu  schlagen  von  der  Theorie  zur  Praxis,  wie  es  die  technischen  und  landwirtschaftlichen ­
  Hochschulen  erfolgreich  bereits  getan  haben;  und  indem  sie  gleichzeitig  die
Theorie  zu  befruchten  sucht  durch  die  Praxis,  hofft  sie  ein  umfangreiches,  bisher  zum
Teil  totes  Wissen  nutzbar  zu  machen  für  neue  wichtige  Zwecke.  In  dieser  Weise  erstrebt
sie  nicht  einen  Ersatz  praktischer  Kenntnisse  durch  theoretische,  wohl  aber  eine
theoretische  Vertiefung  des  praktischen  Könnens  des  Kaufmanns,  eine  Weckung  seines
Bildungstriebes,  eine  Weitung  seines  Blicks,  eine  Schärfung  seiner  Beobachtungsgabe, ­
  eine  allgemeine  Schulung  zu  selbständigem  Denken.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.