334 Zweiter Teil. Handel. XV. Kaufmännisches Unterrichtswesen.
3. Wie studiert mau an der Handelshochschule?
Don Wilhelm Kahler.
Kahler, Wie studiert man an einer Handelshochschule? Ein Briefwechsel Zu be
ziehen durch das Sekretariat der Kgl. Technischen Hochschule zu Aachen. jAachen, o- I.s S- 5 ss.
Das erste, was Sie sich im Interesse einer Ausnutzung Ihrer knapp bemessenen
Studienzeit machen müssen, ist ein genauer Studienplan. Und dieser
Studien plan wird sich in concreto einfach darstellen in dem Stunden plan,
der Ihnen die Arbeit der Woche zeigen wird. Was Sie in denselben aufzunehmen
haben, geht im allgemeinen hervor aus dem Lehrplan. Aber diesen Lehrplan dürfen
Sie nur als einen Vorschlag, nicht als eine dira necessitas betrachten: Abweichungen
von demselben sind durchaus erlaubt, ja geradezu erwünscht. „Eines schickt sich nicht
für alle." Je nach der Vorbildung, je nach dem Spezialgebiet, dem Sie sich später
widmen wollen, werden Sie dies oder jenes entbehren oder bevorzugen könne».
Also: betrachten Sie den Stundenplan nicht als eine Menukarte, die um jeden Preis
abgegessen werden muß, sondern gehen Sie mit den einzelnen Dozenten darüber zu
Rate, was Sie aufnehmen, was Sie fallen lassen sollen. Diese Herren werden Ihnen
stets auf jede Frage Antwort stehen und Sie gern beraten, wenn Sie ihnen offen
Ihre Lage klarlegen.
Das Gerippe des Stundenplans geben nun die Vorlesungen ab. Der
Zweck der Vorlesungen ist, Ihnen einen überblick über ein Wissensgebiet zu geben,
Sie in die Methode der Untersuchung einzuführen und Ihnen die Anleitung zu geben,
wie Sie auf Grund des Tatsachenmaterials sich ein selbständiges Urteil bilden können,
wie Sie die gegebenen Grundlagen zu eigenem Können verwenden sollen. Das
meiste, was in den Vorlesungen gegeben wird, können Sie freilich auch in Büchern
finden: ja, manche Dozenten legen ihren Vorlesungen direkt bestimmte Leitfaden usw.
zugrunde. Aber trotzdem hat die Vorlesung doch ihre eigenen Aufgaben und Reize.
Die Vorlesung erfolgt unter pädagogischen Gesichtspunkten; den Unterrichtszwecken
entsprechend wird der Stoff gruppiert, einiges besonders ausführlich, anderes knapper
behandelt, während das Lehrbuch alles mit gleicher Gründlichkeit vorträgt. So soll
der Blick für die Methode der Arbeit an einigen Stoffen geschärft werden, der an
anderen Fragen sich dann selbst üben kann. So soll die Persönlichkeit des Dozenten,
die im gesprochenen Wort sich noch ganz anders offenbart als im toten Buchstaben, zu
gleich einwirken auf den Hörer, ihn für den Stoff persönlich interessieren. Kann es sich
natürlich nie darum handeln, die Ansichten des Lehrers durch persönliche Über
zeugungskraft dem Schüler zu oktroyieren, sondern kommt es immer auf das sachliche
Gewicht der von ihm vertretenen Meinungen an, so ist doch der Eindruck des ge
sprochenen Worts ein besonders lebendiger, ein zu persönlicher Stellungnahme auf
fordernder, so daß dem mündlichen Vortrag doch erhebliche Vorzüge gegenüber dem
Bücherstudium allein anhaften.
Wie steht es nun mit dem Besuch der Vorlesungen, höre ich Sie fragen, muß
man sie regelmäßig besuchen? Die Antwort darauf besteht in dem vieldeutigen Wort:
Akademische Freiheit! Sie haben Freiheit, zu kommen und wegzubleiben, abgesehen
von den Übungen, in denen regelmäßige Teilnahme unbedingt erforderlich ist, um den
gleichmäßigen Fortschritt der Teilnehmer zu ermöglichen. Für die Vorlesungen da
gegen besteht eine gleiche Notwendigkeit nicht. Hier dürfen Sie nach Belieben weg
bleiben oder, wie der Kunstausdruck heißt, „schwänzen". Es ist wichtig, dies deutlich
auszusprechen. Denn in diesem Recht liegt zugleich eine wichtige Aufgabe für jeden
Studierenden: Er darf — im Gegensatz zu jedem Schulbetrieb — wegbleiben, er
braucht dies vor niemandem zu rechtfertigen, außer vor seinem Gewissen. Ab-