3. Wie studiert man an der Handelshochschule? 335
wechselnd eine Stunde kommen und wegbleiben, ist freilich zwecklos, denn dann sind
Sie stets außer Zusammenhang und verstehen im Grunde so gut wie nichts von dem
Vorgetragenen. Dagegen können in jeder Vorlesung Abschnitte kommen, die für Sie
keinen Wert haben. Diesen können Sie dann mit gutem Gewissen fernbleiben. Also,
wenn Sie z. B. Warenkunde belegen, so brauchen Sie nicht alle Rohstoffe kennen zu
lernen. Hören Sie die allgemeinen Einleitungspartien der Vorlesungen, und fragen
Sie dann den Dozenten, wann diejenigen Rohstoffe behandelt werden, für die Sie
gerade ein besonderes Interesse haben. Schaden kann Ihnen ein mehreres nicht, aber
absolut notwendig ist es auch nicht, daß Sie alles einzelne aus dem Gebiet hören.
Ja, es kann auch vorkommen, daß eine Vorlesung etwas ganz anderes bietet, als Sie
erwartet hatten. Zwar werden Sie auch aus einer solchen lernen können; aber
niemand wird es Ihnen verdenken, wenn Sie alsdann die Vorlesung ganz aufgeben.
Also schwänzen Sie ruhig, aber schwänzen Sie mit Verstand, nicht nur aus bloßer
Bequemlichkeit, oder weil Sie lieber statt in die Vorlesung ins Cafä gehen wollen,
sondern aus vernünftigen Gründen, die Sie vor sich und anderen rechtfertigen können.
Eine weitere wichtige Frage ist die, ob Sie im Kolleg nachschreiben sollen. Wo
etwas diktiert wird, ist dies ja durch den Wunsch des Dozenten ohne weiteres geboten.
Aber zumeist wird nicht diktiert; wie soll man es da halten? Vor einem möchte ich
Sie von vornherein warnen, nämlich vor dem Stenographieren des ganzen Vortrags.
Solch wörtliches Nachschreiben ist nicht von Wert, weil dadurch die Gedankenarbeit
auf ein unzulässiges Mindestmaß herabgedrückt werden würde. Dagegen ist das Ver
folgen des Gedankengangs der Vorlesung durch kurze, das Gehörte zusammenfassende
Notizen sehr wünschenswert. Einmal wird man durch solche Notizen genötigt, sich
jedesmal den Sinn des Gehörten kurz zu rekapitulieren, und zweitens kann man sich
später sehr schnell und leicht über den ganzen Inhalt der Vorlesung noch einmal
orientieren.
Das führt mich zu der Frage, wieweit nun die Vorlesung durch häusliche
Arbeit ergänzt werden soll. Dabei werden Sie sich eine verschiedene Praxis hinsichtlich
der Haupt- und der Nebenvorlesungen bilden müssen. Nicht, daß die längsten Vor
lesungen auch immer die Hauptvorlesungen für Sie sein müssen. Aber Sie müssen
sich klarmachen, welche Vorlesungen für Sie in einem Semester die Hauptvorlesungen
sein sollen. Danach wird sich dann die häusliche Mit- und Nacharbeit richten. Ent
schließen Sie sich beispielsweise, die Vorlesung über kaufmännische Betriebslehre als
hauptsächlichste Vorlesung zu betrachten, dann werden Sie durch lebhafte Teilnahme
an den zu ihr gehörenden Übungen in der Buchführung usw. die notwendige Er
gänzung der Vorlesung erhalten und sich zu Haus nicht noch mit diesem Stoff be
schäftigen müssen. Wollen Sie dagegen die Nationalökonomie besonders traktieren,
dann werden Sie entweder in den empfohlenen Lehr- und Handbüchern sich ergänzend
unterrichten müssen, oder Sie werden die eine oder andere spezielle Frage an der
Hand der Spezialliteratur genauer studieren müssen; in diesem Fall wird die Teil
nahme an den Übungen nicht genügen, um die Vorlesung zweckmäßig zu ergänzen.
Auch über diese Fragen wird Sie der Rat der Dozenten am besten aufklären.
Jedenfalls bleiben die Vorlesungen immer der Mittelpunkt des ganzen
Studiums, und Sie werden sich vor allem über deren Bedeutung für Ihr Studium
und für Ihren Stundenplan klar werden müssen.
Es bleibt mir noch übrig, Ihnen die neben den Vorlesungen in Betracht
kommenden Bildungsmittel kurz zu skizzieren. Von diesen fassen wir zunächst ins
Auge die Übungen.
Die Übungen unterscheiden sich von den Vorlesungen in erster Linie dadurch,
daß in ihnen durch Frage und Antwort ein ständiger Wechselverkehr zwischen Dozent
und Hörer gepflegt wird. Hier soll also der Hörer nicht nur aufnehmen, wie in den