340 Zweiter Teil. Handel. XV. Kaufmännisches Unterrichtswesen.
Mevissens eingesetzt hat. Gleich Mevissen hatte Becker richtig erkannt, daß gerade in
einer Epoche wirtschaftlichen Fortschritts den Bürgern auch für ihre idealen Interessen
ein fruchtbarer Mittelpunkt geschaffen werden müsse, der für das dauernde Gedeihen
des Gemeinwesens die Verbindungsbrücke zwischen der materiellen und geistigen
Kultur schlagen könne. Im rechten Moment gab er den entscheidenden Anstoß, daß
unser weitsichtiges Kölner Bürgertum, das für Fortbildung und Förderung der bereits
länger bestehenden wissenschaftlichen Institute beträchtliche Opfer gebracht hatte, auch
vor ganz neuen Aufgaben nicht zurückschreckte, daß als Abschluß des wissenschaftlichen
Gebäudes die Handelshochschule entstand, die mit den ihr ideell verbundenen Instituten
der Akademie für praktische Medizin und der Vereinigung für rechts- und staats
wissenschaftliche Fortbildung ein modernen Zeitbedürfnissen entsprechender Ersatz der
verlorenen dereinstigen Alma mater werden sollte. So gewann Köln, die alte
Handels- und Hansestadt, den Ruhm, die erste selbständige kaufmännische Hochschule
Deutschlands ins Leben gerufen zu haben, und neben Mevissens, des Anregers und
Süfters, Name wird derjenige Wilhelm Beckers als des Vollbringers mit der Hoch
schule verknüpft bleiben.
Auf Gotheins Plan fußend, hat Professor Dr. Hermann Schumacher als
erster Studiendirektor die Einzelorganisation der Hochschule erdacht, die erste Ein
richtung geleitet und über 3 Jahre die Verwaltung glücklich geführt.
Die Feier der Eröffnung der Städtischen Handelshochschule in Köln fand am
1. Mai 1901 in der Aula des Hochschulgebäudes am Hansaring in Gegenwart des
Handelsministers Brefeld, des Oberpräsidenten Nasse sowie von Vertretern der
übrigen staatlichen und städtischen Behörden, der Universität Bonn und der Tech
nischen Hochschule Aachen statt.
5. Die Behandlung der Handelsfächer an der Hochschule.
Von Johann Friedrich Schär.
Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre. 1. Bd. Leipzig, G. A. Glöckner, 1911.
S. 21-22.
Die Behandlung der Handelsfücher an der Hochschule kann nur eine wissen-
schafüiche sein. Die erste und die höchste Aufgabe jeder Hochschule besteht in der
Pflege der Wissenschaft und der Idealität, in der Heranbildung selbständig denkender,
forschender, urteilender und handelnder Menschen. Auf niemand paßt dies besser
als auf den echten Kaufmann, der aus der Erscheinungen Flucht das Wesentliche und
Bleibende abstrahieren, die Geschehnisse des Tages seinen Plänen und Entschlüssen
dienstbar machen und, unabhängig von Schablone und Gewohnheit, das Neue und
Werdende kritisch beurteilen, ja selbst Neues in lebensfähiges Dasein rufen muß.
Wissenschaftliches Denken verlangt zuerst ein durch die Außenwelt bezw. durch
die tatsächlichen Verhältnisse gegebenes Material; das ist für die Handels
fächer in Hülle und Fülle vorhanden. Es wird zusammengetragen aus den kauf
männischen Einzel- und Gesellschaftsbetrieben, die in ihrer Mannigfaltigkeit ein
ungeheures Kleinmaterial geschaffen haben. Es liegt in der Literatur, die nach Alter
und Umfang der Literatur zahlreicher anderer Disziplinen ebenbürtig ist, wenn sie
auch noch wenig gesichtet und einer gründlichen Forschung und Bearbeitung bedarf,
um alte Schätze auszugraben, Unbrauchbares und Irrtümliches auszuscheiden und
Gutes ins richtige Licht zu setzen. Das Material ist ferner zu suchen in der Presse,
in den täglichen und periodischen Veröffentlichungen von Börsen-, Handels- und
Marktberichten, in den Bilanzen der Gesellschaften und den Jahresberichten der
öffentlichen Verwaltungen, in den Prospekten über Gründungen, in den Handels-