6. Trinkspruch auf den Deutschen Handelstag.
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Kaufleute im Auslande in milder Verachtung den Hühnern verglich, die in der
Streu die Körner aufpickten, die edle Pferde aus der Krippe fallen ließen.
Das Zaubermittel, durch das das Märchen Wirklichkeit wurde, hieß Einig
keit. Nur weil zuerst das Allgemeine sichergestellt wurde durch die gemeinsam be
geisterte Arbeit aller Stände, hat alles einzelne auf festem Grund und in gesichertem
Rahmen wachsen können.
Die alten Probleme der wirtschaftlichen Einheit sind gelöst, neue sind an ihre
Stelle getreten. Heute steht der deutsche Kaufmann mitten in organisatorischen
Aufgaben, von denen man vor 50 Jahren auch nicht einmal eine Vorstellung
hatte. Mit tausend Fäden ist er in die Weltwirtschaft verknüpft; den Gönnern
früherer Zeiten steht er als gleichberechtigter Partner gegenüber; das Deutsche Reich
ist eine Firma geworden, zu der man sich mit Stolz bekennt.
Und doch, meine Herren, die uns Deutschen so besonders sympathische Abneigung
gegen den Racker von Staat ist, wenn ich nicht irre, auch aus einem Teile der
Kaufmannschaft noch nicht gewichen. Der alte Gegensatz zwischen Individualismus
und Staat wird immer noch durch die Bücher geschleppt, als ob der Posten noch
unverändert validierte. In Wirklichkeit laufen die Interessen und Pflichten der
Privatbetriebe so mit den Interessen und Pflichten des Staates ineinander, daß
der Gegensatz, wo er konstruiert wird, ein gekünstelter ist. Kein privates Erwerbs
geschäft ist heutzutage noch reines Geschäft, es ist in gewissem Sinne zugleich Amt.
In der Sorge für seinen Betrieb und für die in ihm tätigen Personen erfüllt der
Landwirt so gut wie der Gewerbetreibende und der Kaufmann Pflichten gegenüber
der Allgemeinheit, ohne die wir uns unser heutiges staatliches Leben nicht denken
können. Man kann da nicht mehr scheiden. Das Ansehen Deutschlands in der Welt
ist dem deutschen Kaufmann in reichem Maße zugute gekommen. Aber wo bliebe
das Ansehen des deutschen Namens im Auslande, wenn der deutsche Kaufmann da
draußen es nicht verstünde, sein Ansehen hochzuhalten? Wer privates Gut verwaltet,
soll es heutzutage tun in pmouro der Allgemeinheit.
Darum können Staat und Privatwirtschaft nur gedeihen, wenn sie sich gegen
seitig von dem gleichen Geiste durchdringen lassen. Man rühmt deutscher Staats
auffassung Pflichtbewußtsein und Rechtsgefühl als treibende Kräfte nach. Kann unser
Handel ohne diese Tugenden prosperieren, wäre er ohne sie zu seiner jetzigen Blüte
gelangt? Und wiederum. Nüchternes Kalkulieren, Rechnen mit realen Größen, frei
von allem Phrasentum und doch große Ziele im Auge, — nur so kann der deutsche
Kaufmann seinen Platz in der Welt erobern und behaupten. Kann unser Staats
leben unter anderer Flagge segeln?
Und noch eins. Wirtschaftliches Leben ist ohne Egoismus undenkbar. So auch
das staatliche Leben, so auch das politische Leben der Parteien. Aber es gibt kurz
sichtigen und weitsichtigen Egoismus. Kein verständiger Kaufmann dünkt sich zur
Alleinherrschaft berufen, und ebensowenig gibt er um vereinzelten augenblicklichen
Profits willen notwendige Verbindungen und Beziehungen für die Zukunft preis.
Solcher Geist, Blick auf das Ganze, nicht Haften am Kleinen und Kleinlichen, weit
herziges Erfassen alles Tüchtigen sollte auch unser politisches Leben erfüllen. In
diesem Sinne akzeptiere ich die aus Ihren Reihen so oft erhobene Forderung: Mehr
kaufmännischer Geist in unsere öffentlichen Zustände.
Die treuesten Wünsche für Sie und in Ihnen für unser Vaterland fasse ich in
den Ruf zusammen:
Der Deutsche Handelstag hoch! hoch! hoch!