Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

370 Dritter Teil. Industrie. I. Allgemeines und Grundsätzliches. 
Die wichtigsten davon sind das Wachstum der Bevölkerung und die dadurch gegebene 
Möglichkeit eines Massenabsatzes: die Verbesserung der Verkehrsmittel, welche erst 
die Möglichkeit schuf, einen großen Kundenkreis von einem Punkte aus regelmäßig 
zu versehen, und die Entwicklung der Handels-, Geld- und Kreditorganisation zur 
Bewältigung all der wirtschaftlichen Verkehrsvorgänge, welche sich an einen solchen 
Massenabsatz anschließen. Dazu kommt das Auftreten eines großen Bedarfs z. B. 
in den Eisenbahnen, Dampfschiffen oder Brückenbauten, in den großen Fabriken selbst, 
der handwerksmäßig nicht mehr befriedigt werden konnte. Dieser, der Fabriks 
bildung günstige Entwicklungsprozeß ist im 19. Jahrhundert außerordentlich vorge 
schritten. Nicht nur die rasche Zunahme der Bevölkerung, das Wachstum der Städte, 
die Verkürzung der Entfernungen, die Regelmäßigkeit und Verbilligung der Ver 
kehrsmittel sind der Entwicklung der gewerblichen Produktion günstig gewesen. Auch 
die staatliche Wirtschaftspolitik war mit Notwendigkeit auf eine Begünstigung der 
gewerblichen Großproduktion gerichtet. 
Die Begünstigung der großen fabrikmäßigen Betriebe beginnt bereits im 
17. Jahrhundert. Sie ist eine Begleiterscheinung der Zusammenfassung staatlicher 
Macht und der Ausdehnung politischer Herrschaft, wie sie namentlich bei den beiden 
rivalisierenden Großmächten des 17. und 18. Jahrhunderts — Frankreich und Groß 
britannien — zu bemerken ist. Der gewerbliche Großbetrieb ist ein Mittel finanzieller 
Kräftigung der Staaten und die notwendige Ergänzung der auf die Eroberung 
auswärtiger Märkte gerichteten Handelspolitik. Eine Reihe von Maßregeln wird er 
griffen, um die Industrie im Lande zu heben: Steuerbefreiung, Geldunterstützungen, 
öffentliche Auszeichnungen, persönliche Begünstigungen der Unternehmer und ihrer 
Arbeiter, Befreiung vom Zunftzwange und anderen Schranken der Gewerbeaus 
übung; Ausfuhrprämien werden gewährt; ja der Staat selbst organisiert Muster 
betriebe. Dieser sog. merkantilistischen Politik liegt eine ganz bewußte Schätzung der 
Großindustrie zugrunde, welche durch die Menge der Rohstoffe, die sie verbraucht, 
für die Urproduktion, durch die Menge der Arbeitskräfte, welche sie beschäftigt, für 
die wachsende Bevölkerung, durch die Masse der hergestellten Produkte für den aus 
wärtigen Handel und endlich durch die erhöhte Steuerkraft für die Finanzen des 
Staates segensreich wurde. Den Bedürfnissen, welche diese zunehmende Großindustrie 
und der auf sie gestützte Handels-, Geld- und Kreditverkehr erweckte, entsprach dann 
vor allem der Übergang zur Gewerbefreiheit. Das freie Assoziationswesen, die Frei 
zügigkeit der Arbeiter, das freie Niederlassungsrecht der Unternehmer, die Bildung 
großer einheitlicher Wirtschaftsgebiete mit freiem Verkehr im Inneren, einheitlichem 
Maß und Gewicht, die Förderung der Absatzwege, die Ansammlung großer Kapitalien 
in Banken als Folge der freien Bewegung der Kapitalsverwertung, kurz all die Maß 
regeln, welche die Politik der Gewerbefreiheit auszeichnen, haben Bedingungen 
geschaffen, welche für die Großbetriebsentwicklung günstig waren. War früher die 
Wirtschaftspolitik auf die Förderung einzelner Industrien durch spezielle Maßnahmen 
gerichtet, so war jetzt die ganze Wirtschaftspolitik grundsätzlich so geordnet, daß ihre 
Maßregeln dem Großbetrieb förderlich werden mußten. Nicht als ob man die Ge 
werbefreiheit eingeführt hätte, um die Fabriken zu fördern, allein es liegt in der 
Natur der wirtschaftlichen Freiheit, daß sie die vorhandenen Entwicklungstendenzen 
zur vollen Wirkung kommen läßt, indem alle entgegenstehenden Hindernisse beseitigt 
erscheinen. Aber auch soweit positive Maßnahmen der Wirtschaftspolitik in Frage 
kamen, mußten sie notwendigerweise durch die Bedürfnisse der Großindustrie beein 
flußt werden; denn es wird 
1. die Wirtschaftspolitik immer die sichtbarsten und am stärksten zum Ausdruck 
kommenden Bedürfnisse zum Ausgangspunkte nehmen, und es ist den Großindu 
striellen natürlich leicht, eine vernehmbare Vertretung ihrer Interessen zu finden;
	        
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