Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Der  Segen  der  Maschinenarbeit.

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Zunächst  ist  die  Herstellung  der  Maschinen  selbst  eine  bedeutende  Industrie
geworden,  die  viele  erfinderische  Köpfe  und  geschickte  Hände  erfordert  und  beschäftigt
und  nebenbei  die  höchsten  Löhne  bezahlt.  Es  ist  ein  viel  verbreiteter  Irrtum,
der  in  der  sozialistischen  Agitation  eine  große  Rolle  spielt,  daß  die  Maschinenarbeit
die  Löhne  herabdrückt  und  Arbeitslosigkeit  herbeigeführt  habe.  Letztere  kann  nur
vorübergehend  eintreten,  gleicht  sich  aber  sehr  bald  infolge  der  durch  Maschinenarbeit
herbeigeführten  allgemeinen  Vergrößerung  der  Fabriken  wieder  aus.
Weiterhin  ermöglicht  die  Maschinenarbeit  durch  billige  Massenproduktion  eine
Erweiterung  des  Absatzgebietes.  Darum  finden  Sie  überall,  wo  Maschinen  die  Handarbeit ­
  verdrängt  haben,  keine  Verminderung,  sondern  eine  Vermehrung
der  Arbeiter.  Auch  werden  in  maschinellen  Betrieben  in  der  Regel  höhere
Löhne  gezahlt  wie  in  der  Hausin  du  st  rie,  schon  deshalb,  weil  es  im  Interesse
des  Unternehmers  liegt,  daß  seine  kostbaren  Maschinen  von  zufriedenen
Arbeitern  gut  behandelt  werden,  und  zwar  steigt  der  Arbeitslohn  im  Verhältnis  der
Verbesserung  der  Maschinen,  wie  sich  dies  namentlich  in  Amerika  zeigt,  wo  die  vollkommensten ­
  Maschinen  und  die  höchsten  Löhne  vereinigt  sind.
Namentlich  in  der  Textilindustrie  hat  der  maschinelle  Betrieb  eine  wesentliche,
selten  beachtete  Verschiebung  zugunsten  des  Handarbeiters  herbeigeführt.
In  der  Hausindustrie  hatte  der  Arbeiter  meistens  seine  Geräte  (Webstuhl  usw.)  selbst
zu  stellen,  und  der  Fabrikant  war  eigentlich  nur  Vermittler,  welcher  das  Erzeugnis
des  Webers  dem  Konsumenten  oder  Händler  lieferte,  demnach  bei  schlechtem  Geschäftsgang ­
  schwach  oder  gar  nicht  arbeiten  ließ.  Ungünstige  Konjunkturen  trafen  daher
wesentlich  den  Weber,  wodurch  sich  auch  erklärt,  daß  derselbe  oft  lieber  zu  „Hungerlöhnen" ­
  arbeitete  als  gar  nicht.  Heute  dagegen  ist  durch  die  Beschaffung  von  teuren
Maschinen  das  Kapitalrisiko  des  Unternehmers  außerordentlich  vergrößert,  —  auch
leiden  die  Maschinen,  wenn  nicht  gearbeitet  wird.  Der  Unternehmer  hat  demnach
das  größte  Interesse,  seine  Fabrik  nicht  stillzustellen.  Er  wird  seine  ganze
Intelligenz  und  Arbeitskraft  anspannen,  um  dies  zu  vermeiden,  und  bei  schlechten
Zeiten  arbeiten  lassen,  selbst  wenn  er  auch  nichts  verdient.  Oft  werden  Betriebe
jahrelang  fortgesetzt,  und  der  einzige,  der  verdient,  ist  der  Handarbeiter,  weil  der
Verlust  des  Unternehmers  noch  größer  wäre,  wenn  seine  kostbaren  Maschinen  durch
Stillliegen  verdürben.
Die  Maschinenarbeit  ist  ferner  ein  großer  kultureller  Fortschritt:  sie
befähigt  den  Arbeiter,  aus  einer  nur  Handarbeit  erfordernden  und  Körperkraft  konsumierenden ­
  Beschäftigung  zu  einer  solchen  überzugehen,  welche  seine  g  e  i  st  i  g  e  n
Fähigkeiten  in  Anspruch  nimmt.  Die  Bedienung  und  Kontrollierung  komplizierter
Maschinen,  wie  sie  jede  Fabrikanlage  aufweist,  erfordert  nicht  nur  Aufmerksamkeit,
sondern  auch  geistige  Geschicklichkeit  und  Berechnung.
Auch  die  Gefahren  des  Fabrikberufs  vermindern  sich  durch  die
Maschinen;  wenigstens  ergibt  z.  B.  die  Nachweisung  der  entschädigungspslichtigen
Unfälle  der  Rheinisch-Westfälischen  Maschinenbau-  und  Kleineisenindustrie-Berufsgenossenschaft
  für  die  Jahre  1885/6—1911,  daß  von  32  035  Unfällen  nur  12  929,  also
nur  40,4  %  durch  den  eigentlichen  maschinellen  Betrieb  verursacht  wurden.*)
Dies  sind  im  wesentlichen  die  Vorteile  maschineller  Betriebe.
*)  Für  die  Jahre  1894—1911  nach  freundlicher  Mitteilung  der  Maschinenbau-  und
Kleineisenindustrie-Berufsgenossenschast  in  Düsseldorf.  —  G.  M.
            
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