Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

374  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.

II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.
1.  Die  Stellung  der  Industrie  im  Wirtschaftsleben  des
Deutschen  Reiches.
Von  Hermann  Freymark.
F  r  e  y  m  a  r  k,  Die  Stellung  der  Industrie  im  Wirtschaftsleben  des  Deutschen  Reiches.
sVortrag-I  Sonderabdruck  aus:  Technik  und  Wirtschaft.  Monatschrift  des  Vereines  deutscher
Ingenieure.  4-  Jahrgang.  sRedakteur:  Meyer.  Berlin,  In  Kommission  bei  Julius  Springer,
1911-s  S.  5—9.
Preußen  war  im  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  ein  reiner  Agrarstaat,  in  dem
gegen  vier  Fünftel  der  Bevölkerung  in  der  Landwirtschaft  lebten,  dagegen  wenig
mehr  als  ein  Zehntel  in  Handel  und  Gewerbe.  Handel  und  Gewerbe  haben  sich  im
Laufe  des  verflossenen  Jahrhunderts  eine  der  Landwirtschaft  gleichwertige,  ja  nach
der  Zahl  der  in  ihr  lebenden  Personen  weit  überlegene  Stellung  errungen.  Der
Anteil  der  Landwirtschaft  an  der  Bevölkerung  des  Deutschen  Reiches  ist  von  80
v.  H.  nach  den  Freiheitskriegen  bis  auf  42  v.  H.  in  1882  und  schließlich  bis  auf  28,6
v.  H.  in  1907  gesunken.  Der  Anteil  von  Handel  und  Gewerbe  stieg  von  dem
gleichen  Zeitpunkt  ab  von  etwa  10  v.  H.  bis  auf  45,5  v.  H.  im  Jahre  1882  und
schließlich  auf  56,2  v.  H.  im  Jahre  1907.  Das  Gewerbe  allein  ernährte  im  Jahre
1907  schon  mehr  als  39  v.  H.  der  Bevölkerung,  d.  i.  über  ein  Drittel  mehr  als  die
Landwirtschaft.
Nach  absoluten  Zahlen:  in  der  Landwirtschaft  lebten  vor  100  Jahren
16  Millionen,  jetzt  nicht  ganz  18  Millionen  Menschen,  in  der  Gewerbetätigkeit  vor
100  Jahren  kaum  2  Millionen,  jetzt  mehr  als  26  Millionen  Menschen,  und  auf  die
Großbetriebe  mit  mehr  als  50  Arbeitern  entfällt  jetzt  fast  ein  Drittel  und  auf  Großund
  Mittelbetriebe  bis  zu  5  Arbeitern  herab  weit  mehr  als  die  Hälfte  sämtlicher
in  dem  Gewerbe  beschäftigten  Personen.  Die  in  der  Landwirtschaft  lebende  Bevölkerung ­
  ist  somit  im  Laufe  eines  Jahrhunderts  so  gut  wie  gleich  geblieben,  während
der  ganze  Bevölkerungszuwachs  der  Handels-  und  Gewerbtätigkeit  zugeflossen  ist.
Bon  wenig  mehr  als  20  Millionen  am  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  ist  die
Bevölkerung  Deutschlands  auf  32  Millionen  in  1840,  auf  52  Millionen  in  1895  und
schließlich  auf  65  Millionen  im  Jahre  1910  gestiegen  und  nimmt  jährlich  weiter  um
fast  1  Million  zu.
Unsere  Landwirtschaft  vermochte  bei  der  Beschränktheit  des  Grundes  und
Bodens  den  Bevölkerungszuwachs  nicht  aufzunehmen.  Die  gewaltige  Ausdehnung
ihrer  Produktion,  die  sie  mit  berechtigtem  Stolz  erfüllen  kann,  wurde  erzielt  durch
die  Anwendung  besserer  Verfahren  der  Bewirtschaftung,  durch  die  immer  mehr
zunehmende  Verwendung  von  Maschinen,  ließ  jedoch  für  die  Beschäftigung  einer
wesentlich  höheren  Zahl  von  Menschen  nicht  Raum.  Selbst  der  größte  Agrarenthusiast
wird  heute  trotz  der  Klagen  über  die  Leutenot,  trotz  der  Ausdehnung  der  inneren
Kolonisation  nicht  behaupten  wollen,  daß  die  Landwirtschaft  in  der  Lage  gewesen
wäre  oder  heute  sein  würde,  unseren  Bevölkerungszuwachs  aufzunehmen.
Die  Industrie  mußte  den  gesamten,  zum  großen  Teil  aus  der  Landwirtschaft
hervorgehenden  Bevölkerungsüberschuß  aufnehmen.  Sie  hat  diese  Aufgabe  in
glänzendster  Weise  gelöst,  dies  jedoch  nur  dadurch  vermocht,  daß  sie,  unterstützt  von
dem  Handel,  ihre  Grundlagen  weit  über  die  Grenzen  der  einheimischen  Volkswirtschaft ­
  hinaus  ausdehnte  und  zum  Teil  auf  fremde  Wirtschaftsgebiete  stützte.
Sie  erforderte  zur  Ausdehnung  ihrer  Erzeugung,  zur  Ernährung  der  in  ihr
            
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