Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Die  Stellung  der  Industrie  im  Wirtschaftsleben  des  Deutschen  Reiches.  377
möglichte!  Haben  schließlich  nicht  die  in  Verbindung  mit  der  Landwirtschaft  stehenden
Industriezweige  ihren  Ertrag  wesentlich  gesteigert,  sie  auf  das  nachhaltigste  befruchtet?
Das  Handwerk  ist  zwar  durch  die  Großindustrie  aus  früheren  Arbeitsgebieten
verdrängt  worden;  gleichwohl  ist  es  zu  einer  ruhigeren  Betrachtung  der  Dinge  gelangt. ­
  Die  Industrie  hat  dem  Handwerk  zum  Ersatz  für  entrissene  Arbeitsgebiete
neue  erschlossen,  die  es  nie  besessen  hat,  und  ihm  durch  Nutzbarmachung  ihrer
technischen  Errungenschaften  reiche  Förderung  zuteil  werden  lassen.  Wir  dürfen
heute  wohl  sagen,  daß  das  Handwerk,  wenn  auch  nicht  mehr  in  allen  früheren
Gewerbzweigen,  und  wenn  auch  in  anderer  Form,  keineswegs  seinen  goldenen  Boden
verloren  hat,  sondern  im  Aufblühen  begriffen  ist  und  den  in  ihm  beschäftigten
Personen  einen  weit  reicheren  Ertrag  bringt  als  je  zur  Zeit  der  alten  Zunftverfassung.
Aber  die  Industrie  hat  doch  einer  immer  größeren  Zahl  unserer  Volksgenossen
die  Selbständigkeit  genommen,  die  zahllosen  Ingenieure,  Werkmeister  und  sonstigen
Angestellten  zu  abhängigen  Leuten  gemacht!  Sie  hat,  so  wird  weiter  gesagt,  den
Menschen  zum  Sklaven  der  Maschine  herabgewürdigt  und  führt  dahin,  die  Intelligenz
der  breiten  Schichten  unserer  Bevölkerung  abzustumpfen!  über  die  letztere  Auffassung ­
  sollten  wir  doch  hinausgekommen  fein.  Die  moderne  Technik  hat  dem
Arbeiter  eine  Reihe  mechanischer  Verrichtungen  abgenommen,  ihm  dafür  die  Aufgabe
gestellt,  die  Maschine  in  der  richtigen  Weise  zu  leiten  und  zur  möglichsten  Ausnutzung
ihrer  Leistungsfähigkeit  zu  bringen;  sie  erfordert  gerade  eine  erhöhte  Intelligenz  und
Aufmerksamkeit  des  sie  bedienenden  Arbeiters,  und  der  technische  Fortschritt  beruht
daher,  wie  Kämmerer  eingehend  ausgeführt  hat,  nicht  zum  geringsten  Teil  auf  einer
erhöhten  Bildung  der  Arbeiter.
Der  Einwand,  daß  die  Entwicklung  unserer  Gewerbtätigkeit  immer  mehr  dazu
führe,  selbständige  Existenzen  zu  abhängigen  zu  machen,  ist  dagegen  als  richtig  anzuerkennen, ­
  und  dieser  Entwicklungsgang  ist  nicht  nur  vom  Standpunkte  des  einzelnen, ­
  sondern  auch  des  gesamten  Staatswesens  sehr  bedauernswert.  Aber  hätten
sich  alle  die  Personen,  die  jetzt  ihre  Arbeitskraft  in  den  Dienst  anderer  stellen,  wohl
zu  der  Lebensstellung  aufschwingen  können,  die  sie  jetzt  einnehmen?  Hätten  sie  sonst
wohl  das  Arbeitsgebiet  gesunden,  das  ihnen  jetzt  in  den  Großbetrieben  eröffnet  wird?
Es  ist  etwas  Kostbares  um  die  Unabhängigkeit;  aber  auch  das  Wort  des  Dichters
ist  wahr:
„Immer  strebe  zum  Ganzen,  und  kannst  du  selber  kein  Ganzes
Werden,  als  dienendes  Glied  schließ'  an  ein  Ganzes  dich  an!"
Daß  den  Lichtseiten  unserer  modernen  Entwicklung  auch  Schattenseiten  gegenüberstehen, ­
  wer  wollte  es  leugnen?  Beruhen  aber  die  Hemmungen  anderer
Jnteressenkreise,  über  die  wir  ständige  Klagen  vernehmen,  wirklich  ausschließlich  aus
einer  übertriebenen  Entwicklung  unserer  Gewerbtätigkeit?  Haben  sie  nicht  vielmehr
gerade  zum  großen  Teil  ihren  Grund  in  den  Hindernissen,  die  dieser  entgegengestellt
werden?  Und  sollten  sie  wirklich  geeignet  sein,  den  Wert  der  gewaltigen  Leistung,
die  unsere  Gewerbtätigkeit  vollbracht  hat,  herabzumindern:  für  die  Ernährung  und
Beschäftigung  einer  doppelten  Bevölkerungszahl,  eines  jährlichen  Bevölkerungszuwachses ­
  von  nicht  viel  weniger  als  1  Million  Sorge  tragen,  die  allgemeine  Lebenshaltung ­
  der  Bevölkerung,  unser  gesamtes  Volkseinkommen  und  -vermögen  wesentlich
steigern  und  damit  die  Grundlage  für  das  Wachstum  unserer  nationalen  Macht,
unserer  Wohlfahrt,  unserer  Kultur  schaffen!
Gegenüber  dem  geringen  Verständnis  für  die  Industrie,  gegenüber  der  vielfach
herrschenden  Neigung,  sie  zum  Sündenbock  für  alle  Gebrechen  und  Schäden  unseres
Wirtschaftslebens  zu  machen,  gegenüber  dem  geringen  Wohlwollen,  das  ihr  entgegengebracht ­
  wird,  erscheint  es  angebracht,  einmal  eine  Bilanz  zu  ziehen  und  nachzuweisen, ­
  was  sie  der  Allgemeinheit  leistet.
            
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