Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

376  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.

letzten  Jahren  zugenommen  hat,  das  geht  daraus  hervor,  daß  das  steuerpflichtige
Einkommen  der  physischen  Personen  bei  uns  in  Preußen  von  1892  bis  1911  von  5%
aus  mehr  als  14%  Milliarden  Ji,  also  um  säst  ISO  v.  H.  gegenüber  einer  Zunahme
der  Bevölkerungszahl  von  rund  30  v.  S).  gestiegen  ist.
Diese  Vermehrung  unseres  Volksvermögens  und  -einkommens  beruht  zwar
zum  großen  Teil  auf  den  gesteigerten  Leistungen  unserer  Landwirtschaft;  ihr  hauptsächlichster ­
  Träger  ist  aber  doch  unsere  Handels-  und  Gewerbtätigkeit.  In  den  landwirtschaftlichen ­
  Provinzen  Ost-  und  Westpreußen  z.  B.  wurden  im  Jahre  1911
894  Millionen  Ji  der  Einkommensteuer  unterworfen,  in  den  landwirtschaftlich  und
industriell  gleich  entwickelten  Regierungsbezirken  Breslau  und  Oppeln  mit  annähernd
der  gleichen  Bevölkerungszahl  dagegen  954  Millionen  Ji  und  in  dem  industriellen
Regierungsbezirke  Düsseldorf  mit  nicht  ganz  der  gleichen  Bevölkerungszahl
1,7  Milliarde  Ji.  Das  Einkommen  stellte  sich  dort  also  etwa  dreimal  so  hoch  wie
in  Ost-  und  Westpreußen  und  fast  doppelt  so  hoch  als  bei  uns  sin  Schlesiens.
Die  Steigerung  unseres  Wohlstandes  tritt  zwar  am  drastischsten  bei  den  oberen
Zehntausend,  bei  den  reichen  Leuten,  in  die  Erscheinung,  ist  aber  auch  den  mittleren
Schichten  und  den  lediglich  von  ihrer  Arbeit  lebenden  Arbeitermassen  zugute  gekommen. ­
  Die  Lebenshaltung  ist  in  allen  Kreisen  gegenüber  früheren  Zeiten  in  ungeahnter ­
  Weise  gestiegen  und  weiter  im  Steigen  begriffen;  die  Ansprüche  an  das
Leben  haben  in  hohem  Grade  zugenommen,  und  die  Steigerung  des  Einkommens
hält  trotz  der  gegenwärtigen  Teuerung,  nur  unterbrochen  durch  Jahre  ausgesprochener
wirtschaftlicher  Stockung,  im  allgemeinen  weiter  an.
Vor  allem  aber  ist  die  Lage  der  ärmsten  Klassen  zweifellos  viel  besser  geworden.
Ich  will  gar  nicht  Gewicht  darauf  legen,  daß  die  Zahl  der  Steuerfreien  bei  uns  in
Preußen  von  70  v.  H.  in  1892  auf  41  v.  H.  in  1911  gesunken  ist,  während  die  Zahl
der  Steuerpflichtigen  mit  einem  Einkommen  von  mehr  als  900  Ji  von  30  auf  59
v.  H.  gestiegen  ist.  Vergleichen  wir  nur  einmal  die  Lage  der  ärmsten  Schichten  der
Bevölkerung  in  unserer  Zeit  mit  der  vor  zwei  Menschenaltern.  Damals  war  Mangel
an  allem  Notwendigen  und  Hunger  der  ständige  Begleiter  zahlreicher  Familien;  der
Hungertyphus  in  Oberschlesien  und  die  Weberunruhen  sind  Kennzeichen  des  allgemeinen ­
  Tiefstandes  der  wirtschaftlichen  Lage  jener  Zeiten.  Gewiß  gibt  es  heute  noch
viel  Elend.  Von  wirklicher  Not  aber  ist  heute  viel  weniger  zu  spüren  als  in  früherer
Zeit;  die  Verelendungstheorie  ist  allgemein  zum  alten  Eisen  geworfen  und  fristet
nur  noch  in  vergilbten  Programmen  ein  kümmerliches  Dasein.
Aber,  so  wird  gesagt,  die  gewerbliche  Entwicklung  hat  zwar  den  in  ihr  lebenden
Kreisen  der  Bevölkerung  Vorteile  gebracht,  ist  aber  nur  durch  das  Opfer  schwerer
Schädigungen  der  andern  Berufskreise  erkauft  worden.
Die  Landwirtschaft  führt  bittere  Klage  darüber,  daß  sie  durch  die  Industrie
aus  ihrer  früheren  Stellung  verdrängt  sei.  Aber  ist  der  Landwirtschaft  nicht  gerade
die  Entwicklung  der  Industrie  im  höchsten  Grade  zugute  gekommen?  Ist  nicht  die
Absatzmöglichkeit  ihrer  Erzeugnisse  durch  die  Erweiterung  des  inneren  Marktes  auf
das  höchste  gesteigert,  ist  sie  nicht  durch  das  Aufblühen  der  Städte  in  den  Stand  gesetzt
worden,  ihre  Produktion  in  immer  stärkerem  Maße  auszudehnen  und  lohnendere
Preise  zu  erlangen,  ganz  zu  schweigen  von  den  Gewinnen,  die  ihr  in  der  Form  der
Steigerung  der  Bodenpreise  in  den  Schoß  gefallen  sind?  Und  ist  nicht  auch  die
Vermehrung  der  Produktion  der  Landwirtschaft  dadurch  ermöglicht  worden,  daß  ihr
die  Industrie  in  Maschinen,  künstlichen  Düngemitteln  und  anderen  verbesserten  Bedarfsgegenständen ­
  die  Mittel  zu  einem  angespannteren  Betrieb  in  die  Hand  gab?
Welcher  Nutzen  ist  nicht  allein  der  Landwirtschaft  daraus  entsprungen,  daß  der
frühere  unvollkommene  Pflug  nach  wissenschaftlichen  Grundsätzen  umgebaut  und
nicht  nur  verbilligt  wurde,  sondern  gleichzeitig  eine  erhöhte  Leistungsfähigkeit  er-
            
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