6. Johann Friedrich Cotta. 11
vor den Fesseln unnützer, schwerfälliger Formen, vor alles lähmender Kontrolle, vor
unfruchtbarer, schädlicher Schreiberei, — die Bureaukratie habe Bürgersinn und Gemeingut,
jedes Gefühl, dem Ganzen ein Opfer zu bringen, getötet. Das einzige
Mittel sei die Selbstverwaltung. — In der Geschichte der beispiellosen Entwicklung
deutscher Städte ist unvergeßlich die Bedeutung dieser Steinschen Tat eingeschrieben.
Und wie eng haben sich die Beziehungen dieser Städte zur Technik gestaltet! Die
städtischen Wasserwerke, die städtischen Gaswerke, Elektrizitätswerke,
Straßenbahnen usw. zeigen, wie befruchtend städtischer Unternehmungsgeist,
den Stein schaffen wollte, sich mit der Technik beschäftigt hat.
Mit der durch Stein eingeleiteten Entfesselung der individuellen Kräfte war
auch die Grundlage gegeben, aus der die für die Entwicklung der Technik unumgänglich
erforderliche persönliche Initiative der einzelnen Gewerbetreibenden entstehen
konnte.
6. Johann Friedrich Lotta.
Von Albert Schäffle.
Schäffle, Cotta. Berlin, Ernst Hofmann L Co., 1895. S. 2-3, S. 171-172, S. 174
und S. 183-185.
Johann Friedrich Cotta war nicht bloß Buchhändler und Dichterfreund, er war
auch Kunsthändler und Kunstfreund. Er hat furchtlos opponiert, mit Königen verkehrt,
Kronprinzen Vorschüsse an Geld, nicht bloß an Rat erteilt.
. ® r hat bedeutende diplomatische Sendungen, zuletzt 1828 bei der Vereinbarung
oer Zolleinigung zwischen Preußen einerseits und Württemberg und Bayern andrerstus,
als gemeinschaftlicher Vertreter der zwei süddeutschen Staaten, vorher beim
■~!™er Kongreß glücklich erfüllt und noch früher in zwei Sendungen nach Paris
gewi kt^nd ^01) in erfolgreicher Weise für sein Land und Hohenzollern-Hechingen
Sodann hat er sich bei der Einleitung der Verfassungsunterhandlung in Würtemberg
im Jahre 1815 als hervorragender Staatsmann bewährt, er reklamierte 1815
U1 \” r i3en ersten eine paktierte Verfassung. Er ist der eigentliche Urheber der Ein-«ifcul
1 ® 01 ker heutigen württembergischen Staatsschuldentilgungskasse. Nach dem
bsiylusse der Verfassungskämpfe von 1815—1819 hat er die Württembergische Ver-Gfsungsurkunde
vom 25. September 1819 mitunterzeichnet und gehörte als erster
Dotant der Ritterschaft, später als Vizepräsident der Württembergischen Abgeordnetenammer
an, in welcher er die staats- und volkswirtschaftlichen Interessen seines engeren
Vaterlandes als strenger Rechner und mit einem damals noch seltenen staatsanomischen
Weitblick vertreten hat.
Cotta hat die erste Dampfschnellpresse in Süddeutschland aufgestellt und ist
Man gestanden bei der Einführung der Dampfschiffahrt auf dem Bodensee. Er
gründete verschiedene industrielle Geschäftsunternehmungen und blieb selbst überleeischen
Unternehmungen nicht fremd.
Auch bewährte sich Cotta auf den großen Gütern, die er erwarb, als hervorragender
Agronom und Musterwirtschafter. Bei der Hungersnot von 1816—1817
er seinem Lande großartig geholfen. Er hat die Gründung einer Hofbank, die
»Nationalbank" werden sollte, und die Einrichtung einer allgemeinen Sparkasse angeregt
und mitangeregt.
Cs war nicht übertrieben, wenn Heine die Worte aus „Egmont" auf ihn anwendete:
„Das war ein Mann, der hatte die Hand über die ganze Welt."