Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Heinrich  Friedrich  Karl  Freiherr  vom  und  zum  Stein.  9
Stein  die  Leitung  der  westfälischen  Bergämter,  nachdem  er  vorher  noch  ganz  besonders ­
  eingehend  Maschinenbau,  Grubenbau  und  Hüttenwesen  kennen  gelernt  hatte.
Mit  rastloser  Energie  suchte  er,  in  seinem  neuen  Amtsbezirk  erfolgreich  Verkehr  und
Industrie  zu  fördern.  1786  führten  ihn  auch  Studienreisen  nach  England,  wo  er  aus
das  eifrigste  den  englischen  Maschinenbau,  das  Berg-  und  Hüttenwesen  em  Jahr  lang
studierte.  Mit  unauslöschlichen  Eindrücken  von  der  Bedeutung  der  Technik  nicht  nur,
sondern  auch  von  der  Tatkraft  eines  zu  politischer  Selbstbestimmung  schon  so  früh
gekommenen  Volkes  kehrte  Stein  in  seinen  Wirkungskreis  zurück,  wo  sich  >ur  l^ne
technischen  Bestrebungen  ein  iminer  größeres  Arbeitsfeld  bot,  bis  dann  die  äußerste
Not  Preußens  ihn  zu  seiner  großen  geschichtlichen  Aufgabe  berief.
Den  damaligen  Kreisen,  die  noch  in  dem  Geist  der  mittelalterüchen  Feudalstaaten, ­
  der  strengen  Ständeordnung  und  der  uneingeschränkten  absolutistischen  ^regierungsweise
  lebten,  müssen  die  Ideen  Steins,  die  darin  gipfelten,  „die  Feff  eln
zuzerbrechen,durchwelchedieBureaukratiedenA  uff  chwung
der  menschlichen  Tätigkeit  hemmte",  geradezu  revolutionär  vorgekommen ­
  sein.  Stein  war  der  große  Erzieher,  für  ihn  war  der  Staat  ein  Erziehungsinstitut
  ersten  Ranges,  und  diese  auf  reicher  Lebenserfahrung  beruhende  Anschauungsweise ­
  Steins  können  wir  heute  und  weit  über  unsere  Zeit  hmaus  noch  als
bestimmend  für  die  fortschrittliche  Entwicklung  von  Staat  und  Techmk  gleicherweise
ansehen.  Von  Stein  rührt  das  Wort  her:  „Man  tötet,  indem  man  die  Burger  von
aller  Teilnahme  an  der  Verwaltung  entfernt,  den  Gemeingeist."  Das  war  praktisch
bei  dem  elenden  Zusammenbruch  Preußens  in  die  Erscheinung  getreten.  Aer  hieß
es,  den  Hebel  einsetzen.  Die  Organisationsformen,  die  wir  mit  dem  Begrsts  «ewsrverwaltung
  zu  bezeichnen  pflegen,  sollten  das  Mittel  fein,  den  „Gememgelst  zu  sordern.
  „Zutrauen  veredelt  den  Menschen,  ewige  Somunb  =
schuft  hemmt  sein  Reifen,"  das  waren  die  Worte,  die  femes  Mitarbeiters
Hand  über  den  ersten  Entwurf  zur  Steinschen  Städteordnung  gesetzt  hatte.
Diese  epochemachende  Bedeutung  gerade  der  Steinschen  grundlegenden  Gedanken ­
  rechtfertigt  es  auch,  daß  wir  mit  wenig  Worten  noch  etwas  naher  hierauf  eingehen. ­
  Hier  beschäftigt  uns  besonders  auch  der  „Plan  zu  emer  Een  Organisation
der  Geschäftspflege  im  Preußischen  Staat  vom  23.  November  1807  ,  bei  dem  auf  die
Einrichtung  technischer  und  wissenschaftlicher  Deputationen
größter  Wert  gelegt  wurde.  Nicht  weniger  als  sieben  solcher  Körperschaften  sollten
eingerichtet  werden.  Beamte  und  Laien  sollten  hier  sich  ergänzend  gemeinsam  sur
das  Wohl  des  Ganzen  arbeiten.  In  der  Erörterung  dieser  Frage  im  Jmmedlatbericht
weist  Stein  klar  und  deutlich  auf  die  großen  Nachteile  hin,  die  sich  ergeben  wurden,
wenn  die  Verwaltung  ausschließlich  angestellten  Beamten  —  Geschäftsmänner  nennt
sie  Stein  —  überlassen  würde,  und  dann  fährt  er  fort:  ..  T ,,
»Es  ist  nicht  möglich,  daß  letztere  in  Geschäftszweigen,  welche  ganz^  vorzügliche
wissenschaftliche  oder  technische  Kenntnisse  erfordern,  eine  ganz  volleichete  Bildung
haben  oder,  wenn  dieses  auch  bei  ihrem  Eintritt  in  den  Dimst  der  Fall  war,  sich
solche  im  Drang  der  Geschäfte  erhalten  und  gehörig  mit  der  Wissenschaft  oder  Kunst
fortschreiten.  Daß  dieses  der  Fall  fei,  gehört  zu  den  Ausnahmen,  auf  welche  nich
gerechnet  werden  kann.  Es  entsteht  daher  gewöhnlich  eine  unvollkommen^  Leitung
solcher  Geschäftszweige,  und  werden  solche  auch  aus  kurze  Zeit  e  nmal  durch
die  vorzüglichere  Qualifikation  eines  Geschäftsmannes  weiter  gebracht,  so  tritt  bald
wenn  er  abgeht  oder  veraltet,  wieder  ein  nachteiliger  Stillstand  em.  Diesem  Nachteil
läßt  sich  nur  durch  die  Beiziehung  wissenschaftlicher  und  technischer  Männer  aus  allen
Ständen,  als  Ratgeber  der  Geschästsmänner  in  diesen  Geschäftszweigen,  vorbeugen.
Diese  selbst  als  Geschäftsmänner  für  die  preußische  Monarchie  anzustellen,  geht  mch
°n.  da  es  ihnen  oft  an  der  zur  Wirksamkeit  als  wirkliche  Diener  durchaus  erforder-
            
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