380 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie.
und leben lassen", fleißig und sparsam, rastlos im Geschäft, behaglich und opulent
zu Hause, nur aber selten geneigt, das „Leben lassen" weit über sich und ihre nächste
Sphäre auszudehnen.
3. Die Stellung der Ingenieure in Deutschland.
Von Ludwig Bernhard.
Bernhard, Die Stellung der Ingenieure in der heutigen Staatswirtschaft. In:
Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich- 28- Jahrgang.
Herausgegeben von Schmoller. Leipzig, Duncker & Humblot, 1904. S. 127 131.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts gab es auch in Deutschland hervorragende
Ingenieure, die wissenschaftlich gebildet waren, und ebenso gab es dort auch Gelehrte,
die mit der Praxis Fühlung hatten. Aber eine so fortgeschrittene Entwickelung wie
in England und Frankreich war in Deutschland nur aus dem Gebiete des Berg- und
Hüttenwesens zu finden.
Für das Berg- und Hüttenwesen, diese Quelle des Reichtums, hatten die
deutschen Regierungen von jeher gesorgt, und eine neue Ära war für diese Industriezweige
in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hereingebrochen. Denn
die großen Fortschritte in der Chemie, die seit 1774, seit der Entdeckung des Sauerstoffs
erfolgten, brachten die Behandlung des Berg- und Hüttenwesens auf eine ganz
andere Stufe. Man begann, die Vorgänge im Hüttenprozeß theoretisch zu verstehen;
man begann, die wissenschaftliche Erkenntnis für die Praxis nutzbar zu machen.
Ein kleiner Abschnitt aus jener Epoche ist weit über den Kreis der Techniker
hinaus bekannt. Ich meine die Beschäftigung Goethes mit dem Bergwesen. Mit
welchem Eifer sorgte der weimarische Minister Goethe für das Berg- und Hüttenwesen!
Wissenschaftliche Untersuchungen ließ er anstellen, um den technischen
Prozeß zu fördern; und er war darauf bedacht, kenntnisreiche Männer für den Bergund
Hllttenbetrieb zu gewinnen. Dieser kleine Vorgang, den man aus Goethes
Briefen und Tagebüchern kennt, wiederholte sich im großen in den anderen deutschen
Staaten, besonders in Preußen und Sachsen.
Die Preußische Regierung, insbesondere der Minister Graf Reden, sorgte
für die wissenschaftliche Ausbildung tüchtiger Bergwerksingenieure. Die preußischen
Bergassessoren und Bergräte standen daher zu Anfang des 19. Jahrhunderts völlig
auf der Höhe. Aus ihrem Kreise gingen hervorragende wissenschaftliche und praktische
Untersuchungen über den Bergbau und das Hüttenwesen hervor, und diese preußischen
Hüttenmänner konnten sich mit den englischen und französischen Ingenieuren durchaus
vergleichen.
Ebenso sah es in Sachsen aus. Die Bergakademie zu Freiberg war hochberühmt.
Sogar vom Auslande her, insbesondere von Frankreich, kamen die Techniker, um an
dieser Akademie zu studieren. Ein Schüler dieser deutschen Akademie hat in den
ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts an der Spitze des Berg- und Hüttenwesens
in Frankreich gestanden.
Mit einem Worte, das deutsche Jngenieurwesen war im Berg- und Hüttenbetrieb
hochentwickelt.
Um so dunkler sah es in Deutschland auf allen anderen Gebieten der Technik aus.
Einige glänzende Ausnahmen, wie insbesondere Georg v. Reichenbach und Eytelwein,
ändern an diesem dunklen Bilde nichts. Vergebens sucht man in Deutschland
praktische Ingenieure, die mit den theoretischen Grundlagen ihrer Technik vertraut
waren. Weder hatte das Maschinenwesen so kräftige Anregung empfangen wie in
England, noch war das Bauingenieurwesen im 18. Jahrhundert so gefördert worden