Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Die  Stellung  der  Ingenieure  in  Deutschland.

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wie  in  Frankreich.  Es  konnte  auch  in  Deutschland  kaum  anders  sein,  denn  die
politische  und  wirtschaftliche  Zerstückelung  ließ  keine  große  Technik  aufkommen.
In  den  letzten  Jahrzehnten  des  18.  Jahrhunderts  schrieb  Justus  Möser  begeistert
von  dem  Berufe  der  Kleinstaaten.  Er  zeigte,  wie  im  engen  Kreise  Kunst  und  Wissenschaft, ­
  Landbau  und  Bergbau  intensiv  gepflegt  werden  können.  Dieser  intensiven
Kleinpflege  verdankte  ja  das  deutsche  Berg-  und  Hüttenwesen  seine  Blüte.
Die  neue  Maschinentechnik  aber  brauchte  weite  Grenzen  und  große  Verkehrsgebiete. ­
  Zwischen  engen  Zollschranken  und  Grenzpfählen  konnte  die  neue  Technik
keine  Rolle  spielen.  Damit  komme  ich  auf  den  entscheidenden  Punkt:  England  und
Frankreich  hatten  große  Fortschritte  gemacht,  weil  dort  die  Technik  eine  Rolle  spielte,
weil  dort  die  Technik  neben  den  Wissenschaften  etwas  galt,  weil  dort  Wissenschaft
und  Technik  sich  gegenseitig  stützten  und  belebten;  in  Deutschland  hingegen  mußten
diese  Beziehungen  zwischen  Wissenschaft  und  Technik  ganz  natürlich  fehlen.  Denn
die  Entwickelungsbedingungen  der  Technik  waren  zu  ungünstig.  Die  schwächliche
Pflanze  konnte  nur  wenig  Aufmerksamkeit  erregen.  So  bestand  zwischen  den  altbewährten, ­
  stolzen  Naturwissenschaften  und  der  kleinen  Technik  eine  weite  Kluft.
Dazu  kam,  daß  gerade  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  an  den  deutschen  Universitäten
die  Naturphilosophie  herrschte.  Schellings  Einfluß  auf  die  Naturwissenschaften  war
groß.  Alles,  was  Praxis  hieß  oder  an  Praxis  erinnerte,  wurde  als  banausisch  verachtet. ­
  Ja,  sogar  das  wissenschaftliche  Experiment  stand  damals  in  geringem  Ansehen.
Unser  größter  Chemiker  hat  später  oft  geklagt,  wie  sehr  sich  die  deutschen  Naturwissenschaften ­
  schadeten,  als  sie  das  Experiment  verleugneten.  „Auch  ich  habe  diese,  an
Worten  und  Ideen  so  reiche,  an  wahrem  Wissen  so  arme  Periode  durchlebt;  sie  hat
mich  um  zwei  kostbare  Jahre  meines  Lebens  gebracht,"  schrieb  Justus  v.  Liebig.
Eine  Kluft  also  bestand  in  Deutschland  zwischen  Wissenschaft  und  Technik.
Die  Folge  dieses  Zustandes  war  eine  mangelnde  wissenschaftliche  Ausbildung  der
Ingenieure.  In  Frankreich  gab  es  schon  seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  in
England  seit  dem  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  ausgezeichnete  Lehrbücher,  die
eine  Brücke  zwischen  Theorie  und  Praxis  herstellten.  In  Deutschland  dagegen  erschienen ­
  erst  1831  auf  ausdrücklichen  Wunsch  der  Preußischen  Regierung  Lehrbücher
der  Statik  und  Dynamik  für  den  praktischen  Gebrauch.
Vergebens  suchte  man  in  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  wissenschaftlich ­
  gebildete  Ingenieure  in  Deutschland.  Dieser  Mangel  drängte  sich  in  Deutschland ­
  und  auch  in  Österreich  so  stark  auf,  daß  man  an  den  verschiedensten  Orten  den
Beschluß  faßte,  für  die  Ingenieure  technische  Schulen  zu  schaffen.
Voran  ging  Österreich,  wo  1815  in  Wien  die  Polytechnische  Schule  gegründet
wurde.  Dann  folgte  1821  Preußen  mit  der  Gründung  des  Gewerbeinstituts  zu
Berlin,  aus  dem  später  die  Technische  Hochschule  entstand,  1827  folgte  Bayern  mit
höheren  technischen  Schulen  zu  München  und  Nürnberg,  ein  Jahr  später  Sachsen  mit
der  Technischen  Schule  zu  Dresden,  dann  Hannover,  Württemberg  usw.
Jedoch  mit  der  Begründung  dieser  technischen  Schulen  war  die  Kluft  zwischen
Wissenschaft  und  Technik  noch  keineswegs  beseitigt.  Im  Gegenteil  trat  jetzt  diese
Kluft  noch  deutlicher  zutage,  denn  es  zeigte  sich,  daß  die  Mathematiker  und  Physiker,
die  man  als  Lehrer  an  die  neuen  technischen  Schulen  berief,  keine  Kenntnisse  von  der
Praxis  hatten;  und  an  wissenschaftlich  gebildeten  Ingenieuren,  die  man  als  Professoren
hätte  berufen  können,  war  ebenfalls  Mangel.
So  blieben  sie  neuen  Schulen  jahrzehntelang  ohne  starke  Wirkung.  Trotz  der
Zahlreichen  Institute  blieb  die  Ausbildung  der  deutschen  Ingenieure  nach  wie  vor
wangelhaft.
Es  kann  daher  nicht  befremden,  wenn  man  folgende  Äußerung  eines  klassischen
Zeugen  hört.  Werner  Siemens  schildert  die  technische  Bildung  im  Jahre  1840:
            
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