Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

388  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.

heutigen  Förderung  auf  etwa  130  Jahre  ausreicht,  während  Luxemburg  über
300  Millionen  t  verfügt.  Nicht  nur  für  die  lothringischen,  sondern  auch  für  westfälische
Hochöfen  ist  die  verhältnismäßig  spät  erfolgte  Ausschließung  von  neuen  Erzgruben
im  Gebiete  von  Nancy  und  Briey  von  Bedeutung  geworden.  Der  früher  ziemlich
gleichwertig  stattfindende  Austausch  von  Erzen  über  die  Grenze  hat  sich  zu  einer  immer
größer  werdenden  Mehreinführung  französischer  Minette  gestaltet,  wovon  ein  großer
Teil  nach  dem  Ruhrbezirk  geht.  Richtiger  wäre  es,  zu  sagen,  daß  sich  heute  mehr  und
mehr  ein  Austausch  französischer  Erze  gegen  deutsche  Kohlen,  an  denen  es  im
französischen  Minettegebiet  sehr  fehlt,  entwickelt.
Die  Saarwerke  brauchen  nur  90  km  beim  Bezug  der  Erze  zu  überwinden  und
haben  anderseits  den  Vorteil,  die  Kohle  zum  Teil  bei  der  Hand  zu  haben,  sie  arbeiten
daher  unter  ziemlich  gleichen  Verhältnissen  wie  die  luxemburgisch-lothringischen.
Während  man  sich  früher  in  Lothringen  auf  die  Erblasung  von  Roheisen  beschränkte,
ist  man  dort  neuerdings,  begünstigt  durch  die  Fortschritte  in  der  Wärmeausnutzung
der  Brennstoffe  im  Hochofen,  in  großartiger  Weise  zur  Herstellung  von  Flußeisen  und
Fabrikaten  daraus  übergegangen.  Nachdem  um  die  Jahrhundertwende  in  Lothringen
und  dem  benachbarten  Luxemburg,  in  welchem  ähnliche  Verhältnisse  obwalten,
mehrere  neue  Stahlwerke  in  Betrieb  gekommen  waren,  die  mit  den  modernsten
maschinellen  Einrichtungen  zur  Massenfabrikation  eingerichtet  sind,  entstehen  neuerdings ­
  weitere  Neubauten  umfangreichster  Art.
Ein  weiterer  großer  Eisenbezirk  Deutschlands  liegt  an  seiner  Ostgrenze,  in
Oberschlesien.  Das  schon  seit  dem  13.  Jahrhundert  in  Oberschlesien  heimische
Eisengewerbe  wurde  durch  den  Dreißigjährigen  Krieg  derartig  geschädigt,  daß  es  sich
bis  zu  dem  Regierungsantritt  Friedrichs  des  Großen  1740  noch  kaum  erholt  hatte.
Dieser  große  König  und  sein  Nachfolger  haben  dann,  unterstützt  von  Männern  wie
Heinitz  und  Reden,  ganz  im  Sinne  der  damals  herrschenden  fürsorgenden  Wirtschaftspolitik, ­
  den  Bau  von  Hochöfen  in  jeder  Weise  gefördert.  Keine  Kosten  wurden
gescheut,  um  geschulte  Arbeiter  heranzuziehen  und  in  England  die  neuen  Errungenschaften, ­
  insbesondere  die  Herstellung  von  Koksroheisen,  zu  studieren.  So  stand  bald
Oberschlesiens  Eisenindustrie  so  hoch,  daß  bereits  1786  in  England  große  Nachfrage
nach  schlesischem  Eisen  war  und  schon  1796  der  erste  Kokshochofen  auf  der  staatlichen
Hütte  zu  Gleiwitz  angeblasen  werden  konnte.  Die  oberschlesischen  Kohlen  können
bezüglich  ihrer  Güte  und  Verwendbarkeit  für  den  Eisenhüttenbetrieb  mit  denen  des
Ruhrbezirkes  nicht  wetteifern.  Der  Koks  ist  mürber  und  unreiner,  aber  man  bemüht
sich  mit  sichtlichem  Erfolg  dort  eifrig,  durch  gute  Einrichtungen  das  Mögliche  zu
erreichen.  Auch  die  wenigen  noch  vorhandenen  Eisenerze  erleichtern  deren  Verhüttung ­
  nicht;  der  Gehalt  ist  keineswegs  hoch,  die  Beschaffenheit  teilweise  fein  und
mulmig.
Nach  der  Statistik  des  Oberschlesischen  Berg-  und  Hüttenmännischen  Vereins
betrugen  im  Jahre  1911  in  Oberschlesien  die  Erzeugungsmengen  an

t
Roheisen  963  382
Gußwaren  II.  Schmelzung  80  992
Stahlformguß  .  .  .  19179
Fertigeisen:  a)  der  Walzwerke  806  617
b)  der  Verfeinerungsbetriebe  289162

Die  eigene  Erzförderung  des  oberschlesischen  Bezirks  geht  von  Jahr  zu  Jahr
zurück.  Sie  betrug  im  Jahre  1911  nur  noch  142  152  t,  während  noch  im  Jahre  1889
die  oberschlesischen  Erzvorkommen  797  635  t  lieferten.  Die  verbrauchten  Eisenerze  sind
deshalb  zum  großen  Teil  schwedischen  oder  russischen  Ursprungs.
Da  die  Erzversorgung  Oberschlesiens  immer  schwieriger  wird  und  die  Staatsbahnverwaltung ­
  sich  jahrelang  weigerte,  die  Frachtkosten  für  schwedische  Erze  von
            
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