7. Die Rübenzuckerindustrie.
393
neben dem Zuckerrohr die Rübe ihren Platz finden könne, hat die hochgezüchtete edle
Zuckerrübe eine ganz erstaunliche Anpassungsfähigkeit an Boden und Klima bewiesen,
die ihr ein fast unbeschränktes Anbaugebiet sichert. Das Zuckerrohr ist auf die feuchten
Küstenniederungen oder die bewässerungsfähigen Fluhtäler der Tropen und sub
tropischen Gebiete beschränkt, Trockenheit und Frostgefahr setzen seiner Ausdehnung
bestimmte Grenzen; die Zuckerrübe gedeiht auf den humosen Lehmböden der Magde
burger Börde wie in den Sandböden der Lüneburger Heide, sie liefert lohnende Er
träge bis weit nach Norden hinauf ebenso wie in den heißen, regenlosen Böden Süd
kaliforniens.
Im fernen Sibirien hat man den Rübenbau begonnen, in Japan führten
deutsche Techniker in neubegründeten Zuckerfabriken die Kultur ein, in Kanada hat
man wiederholte Versuche gemacht, in weiten Teilen Nordamerikas sind sie z. T.
unter Anwendung künstlicher Bewässerung glänzend gelungen, trotz aller Schwierig
keiten, die durch Mangel an billigen Arbeitskräften und die Unmöglichkeit entstanden,
die Abfallprodukte rationell zu verwerten. In Australien, Chile und Argentinien
hegt man immer die Hoffnung auf Gelingen. Schweden hat in den letzten
Jahren seine Zuckerindustrie so gewaltig entwickelt, daß die Gefahr einer Über
produktion vorliegt: Spaniens zahlreich entstandene Rübenzuckersabriken vermögen
schon jetzt im Verein mit seinen Zuckerrohrsiedereien das Land unabhängig von
fremder Einfuhr zu machen. Italien hat in jüngster Zeit nicht bloß in den Ebenen
der Lombardei unerwartet große Fortschritte im Rübenbau gemacht und ist imstande,
seinen Bedarf selbst zu decken; Rumänien, Serbien, Bulgarien haben erfolgreich ver
sucht, die Zuckerindustrie bei sich heimisch zu machen, ersteres war zeitweise gezwungen,
den Überschuß der eigenen Ernten zur Ausfuhr zu bringen. Selbst in Persien beginnt
man den Anbau der Rübe, und in Ägypten hat man sich, wenn auch ohne dauernden
Erfolg, bemüht, neben dem Zuckerrohr im Überschwemmungsgebiete des Nils Zucker
rüben zu bauen, um sie ebenso wie in einer spanischen Fabrik abwechselnd mit dem
Rohr in denselben Apparaten zu verarbeiten.
Allenthalben zeigt sich das Streben, unter staatlichem Schutze ein Gewerbe groß
zuziehen, das für Deutschlands, Frankreichs und Österreichs Landwirtschaft so segens
reich geworden ist, in Rußland, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden, Italien und
Rumänien nicht minder bedeutsam für den allgemeinen Volkswohlstand ist und ein
wichtiges Genußmittel liefert, das in immer weitere Kreise des Volkes eindringt und
hie und da bereits zu einem Nahrungsmittel geworden ist.
Die Fortschritte in der Technik des Betriebes und in der Züchtung immer
zuckerhaltigeren Rohmaterials genauer zu verfolgen, ist hier nicht der Ort. Es sei
deshalb nur darauf verwiesen, daß in erfreulicher Weise die Industrie in Deutschland
auch räumlich an Ausdehnung gewinnt und nicht mehr, wie noch vor wenig Jahr
zehnten, auf Mitteldeutschland, Sachsen, Anhalt, Braunschweig und Schlesien
beschränkt ist. Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern, Mecklenburg, Holstein,
Hannover, Hessen und Rheinland sind heute wichtige Zentren des Zuckerrübenbaues
geworden, und gerade in diesen neuen Heimstätten hat sich der Anbau immer mehr
ausgedehnt. Nur das mildere Klima Süddeutschlands scheint dem Gedeihen der
Rüben nicht günstig, und die eigenartigen Besitzverhältnisse an Grund und Boden
hindern ähnlich wie in Südfrankreich die Ausbreitung der Industrie, die bei der
ständig wachsenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht mehr so rentabel ist, daß
sie erfolgreich dem Hopfen-, Tabak- und Gemüsebau der Kleinbesitzer den Rang ab
laufen könnte.
Die steigenden Ausbeuten zeugen von den Fortschritten der Technik und der
Leistungsfähigkeit unserer Rübenkultur, die durch wissenschaftlich begründete Samen-
Sucht ein unendlich viel wertvolleres Rohmaterial zu erzielen verstanden hat. Die