8. Die Konfektionsindustrie.
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Zu dieser Tabelle ist nur zu bemerken, daß die angegebene Rohrzuckerproduktion
nicht die gesamte Zuckererzeugung darstellt, sondern nur die Mengen, die auf den
Weltmarkt hinaustreten, also z. B. nicht die ungeheueren Quantitäten, die in Ostindien
von den Eingeborenen produziert, aber auch an Ort und Stelle konsumiert werden.
Ebenso ist für China und andere Länder nur d a s Quantum in Rechnung gestellt, das
in den auswärtigen Handel übergeht. Auf absolute Zuverlässigkeit haben die Zahlen
daher keinen Anspruch.
8. Die Konfektionsindustrie.
Von Werner Sombart.
Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert. 2- Ausl- Berlin,
Georg Bondi, 1909. S. 316—318.
Während von den beiden großen Bekleidungsgewerben die Schuhmacherei
immer nur in einzelnen Artikeln und vorübergehend hausindustriell organisiert war,
von Anfang an aber auch in fabrikmäßiger Organisation erscheint, —1849 gab es in
Erfurt, der damals bedeutendsten Schuhmacherstadt Preußens, bereits 5 Schuhwaren
fabriken oder wenigstens Großbetriebe, mit zusammen 148 Personen, und ähnliche
Ziffern werden uns für jene Zeit aus Kalau, Mainz und Frankfurt a. M. berichtet
— während heute die kapitalistische Schuhmacherei (und dgs ist für Neuarbeit sicher
der bei weitem überwiegende Teil des gesamten Schuhmachergewerbes) fast aus
schließlich fabrikmäßig betrieben wird, hat die Schneiderei von jeher und bis heute
noch eine besondere Vorliebe für hausindustrielle Organisation an den Tag gelegt.
Die Anfänge der Konfektionsschneiderei reichen in Deutschland in die
1840er Jahre zurück. Gerson, eines der ersten Konfektionsgeschäfte, ist 1842 begründet.
1852 beschäftigte es schon 5 Handwerksmeister, 3 Direktricen, 120—140 Arbeiterinnen
in der Werkstatt, 150 Meister mit je 10 Gesellen außer dem Hause, 100 Kommis, Auf
seher usw. im Verkaufslokal. Ende der 1840er Jahre unternimmt die Berliner Kleider
konfektion ihren ersten schüchternen Schritt aufs Land. In München wurde die Be
fugnis zum Verkauf fertiger Kleider erst 1847 freigegeben. Run erst entstanden große
Kleiderhandlungen. Nebenbei bemerkt: diese ersten Äußerungen kapitalistischen Lebens
im Gebiet der Bekleidungsgewerbe erfolgten ohne jede Veränderung der Technik:
1854 kommt die erste Nähmaschine nach Deutschland, die übrigens auch nur wenig
Einfluß auf Betriebs- und Wirtschaftsorganisation ausgeübt hat. Würde sie doch
jedem Handwerker ohne weiteres zugänglich sein. Hier wie in tausend anderen Fällen
sind es ganz andere Dinge als die veränderte Produktionstechnik, die dem gewerb
lichen Kapitalismus zum Siege verholfen haben.
Heute ist die Konfektion eine der wichtigsten Zweige des gewerblichen Kapitalis
mus in Deutschland geworden. Und zwar ruht sie im wesentlichen noch heute auf der
hausindustriellen Organisation, nur daß in der Kleiderkonfektion häufig zwischen den
Heimarbeiter und das Konfektionshaus „Zwischenmeister" treten, die dann die ein
zelnen Arbeiter oder Arbeiterinnen in eigenen kleinen Werkstätten zu sechs, zehn,
fünfzehn vereinigen. Über die Verbreitung und Ausdehnung dieses wichtigen Indu
striezweiges teile ich noch folgendes mit:
In Deutschland lassen sich für die Herrenkonfektion drei Produktionsgebiete
unterscheiden: ein norddeutsches, ein süddeutsches und ein westdeutsches. Das nord
deutsche Produktionsgebiet hat feine Mittelpunkte in Berlin und Stettin. Der Haupt
siß, nicht nur für Norddeutschland, sondern für ganz Deutschland, ist unstreitig Berlin,
das besonders in besseren Waren den Markt völlig beherrscht, aber auch sehr viele
billige Artikel fertigt. Das süddeutsche Produktionsgebiet liegt vornehmlich in und