Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8.  Die  Konfektionsindustrie.

395

Zu  dieser  Tabelle  ist  nur  zu  bemerken,  daß  die  angegebene  Rohrzuckerproduktion
nicht  die  gesamte  Zuckererzeugung  darstellt,  sondern  nur  die  Mengen,  die  auf  den
Weltmarkt  hinaustreten,  also  z.  B.  nicht  die  ungeheueren  Quantitäten,  die  in  Ostindien
von  den  Eingeborenen  produziert,  aber  auch  an  Ort  und  Stelle  konsumiert  werden.
Ebenso  ist  für  China  und  andere  Länder  nur  d  a  s  Quantum  in  Rechnung  gestellt,  das
in  den  auswärtigen  Handel  übergeht.  Auf  absolute  Zuverlässigkeit  haben  die  Zahlen
daher  keinen  Anspruch.

8.  Die  Konfektionsindustrie.
Von  Werner  Sombart.
Sombart,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  neunzehnten  Jahrhundert.  2-  Ausl-  Berlin,
Georg  Bondi,  1909.  S.  316—318.
Während  von  den  beiden  großen  Bekleidungsgewerben  die  Schuhmacherei
immer  nur  in  einzelnen  Artikeln  und  vorübergehend  hausindustriell  organisiert  war,
von  Anfang  an  aber  auch  in  fabrikmäßiger  Organisation  erscheint,  —1849  gab  es  in
Erfurt,  der  damals  bedeutendsten  Schuhmacherstadt  Preußens,  bereits  5  Schuhwarenfabriken ­
  oder  wenigstens  Großbetriebe,  mit  zusammen  148  Personen,  und  ähnliche
Ziffern  werden  uns  für  jene  Zeit  aus  Kalau,  Mainz  und  Frankfurt  a.  M.  berichtet
—  während  heute  die  kapitalistische  Schuhmacherei  (und  dgs  ist  für  Neuarbeit  sicher
der  bei  weitem  überwiegende  Teil  des  gesamten  Schuhmachergewerbes)  fast  ausschließlich ­
  fabrikmäßig  betrieben  wird,  hat  die  Schneiderei  von  jeher  und  bis  heute
noch  eine  besondere  Vorliebe  für  hausindustrielle  Organisation  an  den  Tag  gelegt.
Die  Anfänge  der  Konfektionsschneiderei  reichen  in  Deutschland  in  die
1840er  Jahre  zurück.  Gerson,  eines  der  ersten  Konfektionsgeschäfte,  ist  1842  begründet.
1852  beschäftigte  es  schon  5  Handwerksmeister,  3  Direktricen,  120—140  Arbeiterinnen
in  der  Werkstatt,  150  Meister  mit  je  10  Gesellen  außer  dem  Hause,  100  Kommis,  Aufseher ­
  usw.  im  Verkaufslokal.  Ende  der  1840er  Jahre  unternimmt  die  Berliner  Kleiderkonfektion ­
  ihren  ersten  schüchternen  Schritt  aufs  Land.  In  München  wurde  die  Befugnis ­
  zum  Verkauf  fertiger  Kleider  erst  1847  freigegeben.  Run  erst  entstanden  große
Kleiderhandlungen.  Nebenbei  bemerkt:  diese  ersten  Äußerungen  kapitalistischen  Lebens
im  Gebiet  der  Bekleidungsgewerbe  erfolgten  ohne  jede  Veränderung  der  Technik:
1854  kommt  die  erste  Nähmaschine  nach  Deutschland,  die  übrigens  auch  nur  wenig
Einfluß  auf  Betriebs-  und  Wirtschaftsorganisation  ausgeübt  hat.  Würde  sie  doch
jedem  Handwerker  ohne  weiteres  zugänglich  sein.  Hier  wie  in  tausend  anderen  Fällen
sind  es  ganz  andere  Dinge  als  die  veränderte  Produktionstechnik,  die  dem  gewerblichen ­
  Kapitalismus  zum  Siege  verholfen  haben.
Heute  ist  die  Konfektion  eine  der  wichtigsten  Zweige  des  gewerblichen  Kapitalismus ­
  in  Deutschland  geworden.  Und  zwar  ruht  sie  im  wesentlichen  noch  heute  auf  der
hausindustriellen  Organisation,  nur  daß  in  der  Kleiderkonfektion  häufig  zwischen  den
Heimarbeiter  und  das  Konfektionshaus  „Zwischenmeister"  treten,  die  dann  die  einzelnen ­
  Arbeiter  oder  Arbeiterinnen  in  eigenen  kleinen  Werkstätten  zu  sechs,  zehn,
fünfzehn  vereinigen.  Über  die  Verbreitung  und  Ausdehnung  dieses  wichtigen  Industriezweiges ­
  teile  ich  noch  folgendes  mit:
In  Deutschland  lassen  sich  für  die  Herrenkonfektion  drei  Produktionsgebiete
unterscheiden:  ein  norddeutsches,  ein  süddeutsches  und  ein  westdeutsches.  Das  norddeutsche ­
  Produktionsgebiet  hat  feine  Mittelpunkte  in  Berlin  und  Stettin.  Der  Hauptsiß, ­
  nicht  nur  für  Norddeutschland,  sondern  für  ganz  Deutschland,  ist  unstreitig  Berlin,
das  besonders  in  besseren  Waren  den  Markt  völlig  beherrscht,  aber  auch  sehr  viele
billige  Artikel  fertigt.  Das  süddeutsche  Produktionsgebiet  liegt  vornehmlich  in  und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.