398 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie.
Das Treptower Riesenfernrohr stellt einen völlig neuen Typ dar: an Stelle der
bisher gebräuchlichen kostspieligen drehbaren Schutzkuppel über dem Instrument ist
ein Mantel aus dünnem Eisenblech getreten, welcher das Instrument einschließt, und
während bisher die großen Fernrohre im Schwerpunkt aufgehängt waren, ist hier die
Befestigung an das Okularende gelegt worden. Es fällt so Sehpunkt, Stehpunkt und
Drehpunkt zusammen. Durch diese zweckmäßigen Neuerungen haben sich obendrein
die Herstellungskosten von etwa 4 Millionen Jl auf 250 000 M vermindert, wovon
55 000 M auf das Objektiv kommen, das einen Durchmesser von 70 cm besitzt. Die
Länge des Fernrohrs beträgt 21 m; es ist unter den im Gebrauch befindlichen In
strumenten das längste, da die beiden vorher genannten großen amerikanischen
Teleskope nur 15 bezw. 18 m lang sind. Das für die Pariser Weltausstellung im Jahre
1900 hergestellte Riesenfernrohr ist zwar länger, hat sich aber bisher nicht als ge
brauchsfähig erwiesen.
Bleibt so Deutschlands Technik hinsichtlich des Baues großer Refraktoren zum
mindesten nicht hinter dem Auslande zurück, so steht sie bei dem Bau von mittleren
und kleinen astronomischen Instrumenten: Durchgangsinstrumenten, Meridiankreisen,
Höhekreisen, Kometensuchern rc., was Feinheit und Vollkommenheit der einzelnen
Instrumentaleinrichtungen betrifft, unerreicht da.
Das gleiche gilt für unsere so überaus feinfühligen Instrumente zur Beobachtung
und Messung der Lichterscheinungen, insbesondere von den Spektralapparaten.
Unter den Gebrauchsartikeln erfreuen sich fortgesetzt steigender Nachfrage auf
dem Weltmärkte außer den Brillen hauptsächlich Feldstecher und photographische
Objektive, eine Tatsache, die auf wesentliche Verbesserungen gerade dieser Artikel in
jüngster Zeit zurückzuführen ist.
Und so können wir unsere Ausführungen mit dem Satze schließen: Deutschlands
optische Industrie und zugehörige Feinmechanik befindet sich auf einer hohen Stufe
der Entwickelung. Sie versorgt ja zurzeit nicht nur den größten Teil des Inlands-,
sondern auch einen beträchtlichen Teil des Weltbedarfs, der bis zur Mitte des vorigen
Jahrhunderts fast ausschließlich von Frankreich und Großbritannien gedeckt wurde.
Zu danken hat sie ihre Blüte in erster Linie dem eifrigen und gründlichen Zusammen
arbeiten von Wissenschaft und Praxis, in nicht geringem Maße aber auch den ge
regelten Handelsbeziehungen zum Auslande. Es bleibt ihr nur zu wünschen, daß
an diesen Grundpfeilern nicht gerüttelt wird.
10. Die Chemnitzer Textilindustrie.
Von Emil Stark, Hans Vogel und Ernst Roitzsch.
Stark, Vogel und Roitzsch, Die Chemnitzer Industrie. 2. Textilindustrie, a—c. In:
Das neue Chemnitz. Sonderbeilage des Chemnitzer Tageblattes aus Anlaß der Rathaus
weihe am 2. September 1911. jChemnitz, I. C. F. Pickenhahn & Sohn, 1911.] S. 26—27.
a. Sie Baumwollspinnerei. Von Emil Stark.
In Sachsen wurde bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Baumwolle aus
schließlich mit der Hand versponnen. Wie es heißt, beschäftigten sich damals 14 bis
18 000 Personen im Erzgebirge wie auch im Vogtlande damit. Durch ein immer
stärkeres Einströmen baumwollener Maschinengarne aus England wurden gegen
Ende des Jahrhunderts mehrere unternehmende Kaufleute bewogen, Baumwoll
spinnereien „nach englischer Art" in Sachsen zu errichten. Diese Baumwollspinnereien
kamen aber nur langsam vorwärts; eine lebhafte Anregung erhielt die Baumwoll
spinnerei hierzulande erst durch die von Napoleon I. gegen England erlassene Kon-