10. Die Chemnitzer Textilindustrie.
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tinentalsperre. In wenigen Jahren verzwanzigfachte sich die Zahl der sächsischen
Baumwollspindeln. Meistens waren es kleine Spinnereien, die damals an den
Bächen und Flüßchen des Erzgebirges, hauptsächlich im Chemnitzer Kreise, entstanden.
Verheerend wirkte unter den sächsischen Baumwollspinnereien die Baumwollnot, die
als Folge des amerikanischen Bürgerkrieges 1862/64 auftrat. Die Zahl der Baum
wollspinnereien sank auf den vierten Teil ihres vorherigen Bestandes herab. Nach
jener Zeit, insbesondere unter dem seit dem Jahre 1879 erhöhten Zollschutz, hat sich
die Baumwollspinnerei des Chemnitzer Bezirkes günstig entwickelt, es erfolgte immer
mehr die Abkehr vom Wasserbetriebe zum Dampfbetriebe, die Spinnereieinrich
tungen wurden — namentlich durch Aufstellung von Selfaktoren und später auch
Ringspinnmaschinen — ständig verbessert, besonders in den letzten zwanzig Jahren
hat die Spindelzahl ziemlich schnell zugenommen.
Die Garnproduktion der sächsischen Baumwollspinnerei läßt sich heute auf 125
Millionen Pfund das Jahr schätzen, 1845 betrug sie ca. 15 Millionen, Anfang der
neunziger Jahre ungefähr 50 Millionen Pfund. — Die Spindelzahl belief sich vor
zwei Jahrzehnten nahezu auf 670 000 in 42 Spinnereien, seitdem hat sie sich, obwohl
in der Zwischenzeit nur wenige neue Spinnereien hinzugekommen sind, um ungefähr
eine Million Spindeln vermehrt.
Hand in Hand mit der vermehrten Garnproduktion ist eine außerordentliche
Spezialisierung hinsichtlich der Garnsorten gegangen. Wir brauchen den Blick nur
auf die in Chemnitz ansässige Textilindustrie zu richten, um zu erkennen, welchen
vielseitigen Ansprüchen unsere Baumwollspinnerei Rechnung zu tragen hat. Die An
passungsfähigkeit der Spinnerei an die Bedürfnisse der weiterverarbeitenden Indu
strie, so der Roh- und Buntweberei, der Wirkerei und Trikotagenfabrikation,
der Möbelstoffweberei und Posamentenindustrie, hat dieser eine nicht zu unter
schätzende Hilfe gewährt. Beispielsweise hat sich ein sehr großer Teil der sächsischen
Baumwollspinnereien der Fabrikation feiner Strumpfgarne zugewandt. Die hervor
ragende Entwickelung der sächsischen Strumpfwirkerei fußt zu einem guten Teil auf
der entsprechenden Spezialisierung der einheimischen Baumwollspinnerei. Unter solchen
Umständen konnte unsere Spinnerei natürlich nicht zu einer einheitlichen Massen
produktion kommen wie die von Lancashire und Fallriver. Auch in der Herstellung
von Strick-, Häkel-, Stick-, Näh- und Nähmaschinengarnen hat die sächsische Spinnerei
beträchtliche Leistungen zu verzeichnen.
Zum überwiegenden Teile konzentriert sich die sächsische Baumwollspinnerei
heute wie früher im Handelskammerbezirke Chemnitz mit Chemnitz als Mittelpunkt.
Chemnitz ist gleichzeitig der Sitz der Jnteressenvereinigung der sächsischen Baumwoll
spinner und -zwirner, die in diesem Jahre auf ein bereits 75jähriges Bestehen zurück
blicken kann. Naturgemäß sind in Chemnitz auch zahlreiche Baumwollhäuser ver
treten, durch deren Vermittelung die Spinnereiindustrie ihren Bedarf nicht nur an
amerikanischer, sondern auch an ostindischer und ägyptischer, levantinischer und auch
deutsch-kolonialer Baumwolle bezieht. Auch der Verwendung von Kapok und Akon
hat man sich in neuester Zeit zugewandt. Ein Teil der Baumwollspinnereien der
Umgegend unterhält seit langen Jahren in Chemnitz Stadtkontore, andere sind durch
Garnagenten am Platze vertreten. Neuerdings ist auch die Einrichtung der Treff
tage der Textilinteressenten in Chemnitz hinzugekommen.
b. DieWeberei. Von Hans Vogel.
Wenige unserer Industriezweige und Gewerbe können sich rühmen, seit so langen
Jahren in der Stadt Chemnitz ansässig zu sein, wie die Weberei.
Das fleißige Klappern des Webstuhles, in dem der ehrsame Webermeister vom