Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

14  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

dunklen  Augen  lebhaft,  tief,  klar  und  milde,  das  schönste  schwarze  Haar,  reich  und
voll,  aber  schlicht  oder  doch  wenig  gewellt,  ohne  Scheitel  nach  vorn  über  die  Stirn
fallend,  die  Gesichtsfarbe  gesund,  aber  fein  und  dunkel,  —  so  ist  das  Bild  des  Sechsundfünfzigers, ­
  welches  uns  Louis  Döll,  der  Maler,  von  ihm  entworfen  hat.
Ist  es  das  Bild  eines  Dichters,  eines  Gelehrten,  eines  Staatsmannes?  Für
das  Bild  eines  schöpferischen  Geistes,  eines  großdenkenden,  eines  genialen  Mannes
halten  wir  es  gewiß.  Am  wenigsten  entspricht  es  unserer  Vorstellung  von  einem
praktisch  rechnenden,  erwerbseifrigen,  immer  das  nächste  Ziel  ins  Auge  fassenden
Kaufmanne.
Und  ein  Kaufmann  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  war  auch  Arnoldi  nicht.
Das  Epitheton  auf  dem  Titel  dieses  Buches  „Ernst  Wilhelm  Arnoldi.  Leben  und
Schöpfungen  eines  deutschen  Kaufmanns"  deutet  mehr  auf  feine  äußere  Lebensstellung ­
  als  auf  sein  inneres  Wesen,  soll  mehr  darauf  hinweisen,  wie  wünschenswert
es  wäre,  wenn  aus  dem  deutschen  Kaufmannsstande  öfter  solche  Wohltäter  der
Menschheit  hervorgingen,  als  daß  es  ihn  charakterisieren  soll.
Wir  brauchen  nicht  zu  sagen,  daß  wir  das  Dichterwort  unterschreiben:
„Euch,  ihr  Götter,  gehört  der  Kaufmann.  Güter  zu  suchen.
Geht  er,  doch  an  sein  Schiff  knüpfet  das  Gute  sich  an"
und  daß  uns  nichts  ferner  liegt  als  die  Annahme  einer  Rangstufenleiter  unter  den
Berufszweigen  unseres  Gemeinlebens.  Aber  die  Vorstellung,  welche  wir  mit  dem
kaufmännischen  Berufe  verbinden,  paßt  auf  Arnoldi  nicht.  Er  war  ein  geschätzter
Gehülfe  bei  Johann  Gabe  &  Co.  in  Hamburg;  als  er  das  väterliche  Geschäft  übernommen ­
  hatte,  wußte  er  es  bald  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin  auszudehnen;
er  war  ein  geschickter  Einkäufer  und  Verkäufer;  er  hatte  ein  gleich  feines  Organ  für
dis  Nachfrage,  wie  er  sein  Angebot  den  Verhältnissen  klug  anzupassen  wußte,  und
seine  kaufmännischen  Unternehmungen  gediehen  gut  unter  seiner  durchaus  sachkundigen ­
  Leitung.  Allein  nur  ein  kleiner  Teil  der  Kraft  seines  Geistes  und  seiner
Neigung  ward,  als  er  feine  wirtschaftliche  Existenz  für  genügend  gesichert  erachtete,
seinem  ursprünglichen  Lebensberufe  zugewendet.  Er  liebte  diesen  Beruf  und  leistete
für  das  Ansetzn  desselben  mehr  als  irgendeiner;  aber  es  war  nicht  fein  eigener  innerer
Lebensberuf.
„Die  Menschen  tragen  in  der  Regel  das  Gepräge  ihres  Berufes",  —  schrieb
er  an  den  Präsidenten  Fischer  in  Birkenfeld  im  Jahre  1834  —  „und  wenn  ein  Kaufmann ­
  sich  von  den  Fesseln  seines  Gewerbes  losgemacht  hat  und  von  einem
freien  Standpunkte  seinen  Gegen  st  and  beurteilt,  so  wird  er  von
Kaufleuten  und  Krämern,  die  von  ihren  Schreibstuben  und  durch  ihre  Ladenfenster
hinaussehen,  selten  oder  nur  halb  verstanden.  Ich  gelte  bei  diesen  Herren  für  einen
unpraktischen  Menschen  und  muß  daher,  um  aus  sie  zu  wirken,  eine  besondere  Praktik
treiben  und  sie  auf  den  rechten  Weg  leiten,  ohne  daß  sie  den  Leiter  gewahr  werden."
Und  jener  erwiderte  darauf:  „Warum  sind  Sie  aber  ein  Kaufmann  und  nicht
ein  Staatsmann  geworden?  Mit  Ihrer  ehernen  Beharrlichkeit  hätten  Sie  als  Minister ­
  Berge  versetzen  können."
Arnoldi  war  im  Innersten  seines  Wesens  fromm.  Nicht  von  jener  Wortoder ­
  Scheinfrömmigkeit,  welche  sich  mit  Stolz  und  Haß  verträgt  und  Gottes  Gnade
und  Christi  Erlösungswerk  stets  im  Munde  führt,  aber  nichts  leiden  mag  und  nichts
leistet,  um  sich  jener  Gnade  würdig  zu  machen  und  jene  Erlösung  sich  selbst  zu  erkämpfen; ­
  er  war  fromm  in  werktätiger  Liebe  und  Aufopferung  für  die  Nächsten,  in
Selbstzucht  und  Demut,  in  Strenge  gegen  sich  und  Milde  gegen  die  Nebenmenschen.
Seine  Leidenschaft  war  stark,  aber  er  hielt  sie  im  Zaume;  nur  die  Gemeinheit,  die
Roheit  entflammte  seinen  Zorn  zur  lodernden  Glut,  nur  denen,  welche  jene  Eigenschaften ­
  in  Wort  oder  Tat  bekundeten,  konnte  er  schwer  vergeben  ....
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.