3. Weltwirtschaft und Nationalerziehung.
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wurde: Die Verflechtung der Industrie in den Weltmarkt ist noch heute das Haupt
hindernis. welches einer energischen Besserung der Arbeiterverhältnisse im Wege steht,
und die Ursache des schwierigsten Problems in der sozialen Frage, nämlich der Auf
gabe, die Produktion der verschiedenen Länder in Übereinstimmung zu bringen mit
dem schwankenden Bedarse des Marktes.
3. Weltwirtschaft und Nationalerziehung.
Von Alexander Wernicke.
W e r n i ck e , Weltwirtschaft und Nationalerziehung. Vortrag. Sonderabdruck aus den
Neuen Jahrbüchern für Pädagogik. Leipzig, B. G. Teubner, 1900. S. 14—18.
Die Gegenwart stellt unserem Volke vor allem eine Aufgabe: die Stellung auf
dem Weltmärkte, die es in harter Arbeit errungen hat, zu behaupten und weiter zu
befestigen. Eine Nation kann sich ja nicht aus dem Getriebe der Weltwirtschaft lösen,
sie kann nicht, dem Hange zur Beschaulichkeit folgend, beiseite treten vom Schauplatze
der Völker; das kann wohl der einzelne tun im Volke, wenn er selbst die nötigen
Mittel hat, oder wenn andere ihm diese gewähren; aber in der Gegenwart ist kein
Volk imstande, sich allein für sich zu erhalten, und noch nie hat ein Volk dem anderen
freiwillig gegeben, was dieses zu seinem Unterhalte bedarf. Darum muß jede
Nation in den Kampf um den Weltmarkt eintreten, wenn sie sich behaupten will, und
in ihm zu siegen versuchen, denn die Nation, welche in jenem Kampf unterliegt, ver
mag auch nicht auf die Dauer einzelnen ihrer Glieder die freie Muße zu gewähren,
welche Kunst und Wissenschaft und das Patenkind beider, die Philosophie, für sich
fordern.
Diese Überzeugung zu wecken und lebendig zu erhalten, ist die vornehmste Auf
gabe der Gegenwart, über die freilich die Vergangenheit nicht vergessen werden darf.
Die Tatsache der Weltwirtschaft zwingt uns zur Nationalerziehung,
d. h. zu einer planmäßigen Einwirkung auf die Glieder unserer Nation, soweit sie
einheitlich zum Staate des neuen Reiches verbunden sind, zu einer Einwirkung, bei
welcher das Wohl der Nation, das äußere und das innere, das gegebene Ziel ist.
Diese Nationalerziehung steht im Gegensatz zu dem kosmopolitischen Humanis
mus, von dem man einstens geträumt hat; sie steht aber auch im Gegensatze zu jedem
nationalen Chauvinismus, — ihr letztes Ziel ist die Erzeugung eines nationalen
Humanismus, die Spiegelung des Allgemein-Menschlichen in dem Grunde eines
lebensvollen Volkes. Mit größerem Recht als für den einzelnen gilt für ein Volk
das Wort des Aristoteles: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut."
Suchen wir die Aufgaben einer solchen Nationalerziehung zu bestimmen, so ist
vor allem zu bemerken, daß die stabilen Verhältnisse der Weltwirtschaft, in denen
vielleicht der Traum einer wirklichen Menschheit zur Erscheinung gelangt, noch in
weiter, weiter Zukunft liegen. Rechnen können wir nur mit dem Kampfe um den
Weltmarkt, der in theoretischer Hinsicht friedlich ist und es im allgemeinen auch in
praxi bleibt, solange ein schlagfertiges Heer und eine mächtige Flotte dem Wirt
schaftsleben des Landes die nötige Stütze geben.
Die erste Forderung der Nationalerziehung ist also, überall im Volke Klarheit
darüber zu verbreiten, daß eine möglichst starke Stellung auf dem Weltmärkte eine
unbedingte Notwendigkeit ist, ferner das Wollen und Empfinden in den Dienst dieser
Einsicht zu stellen und auch demgemäß zu handeln. Dazu gehört im einzelnen:
1. die Verbreitung wirtschaftlicher Einsicht, einschl. der Förderung und Aus
dehnung der Fortbildungsschulen und Berufsschulen;