442 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. I. Weltwirtschaft.
2. tatkräftige Förderung der nationalen wirtschaftlichen Unternehmungen,
einschl. der Kolonialbestrebungen;
3. Erhaltung und Ausgestaltung von Heer und Flotte, welche ebenso wie der
Handel in unserem Zeitalter als wirtschaftlich produktiv aufzufassen sind;
4. Anpassung der Verwaltung und Rechtsbildung an die wirtschaftlichen Ver
hältnisse der Gegenwart;
5. Herstellung eines Gleichgewichts zwischen den vielgestaltigen Anforderungen
unserer Zeit und der körperlichen Leistungsfähigkeit der Individuen durch Förderung
und Ausbreitung der Bestrebungen für Leibesübungen, vielleicht auch der Handarbeit
(Hygiene).
Die zweite Forderung der Nationalerziehung besteht darin, dafür zu sorgen, daß
die alten Aufgaben der Nation nicht über den neuen vernachlässigt werden, daß diese
ihrer Geschichte getreu bleibt.
Als dritte und letzte Forderung der Nationalerziehung möchte ich den Nachweis
bezeichnen, daß die alten und die neuen Aufgaben der Nation miteinander verträglich
find, woraus natürlich auch die Notwendigkeit folgt, dieser Einsicht gemäß zu handeln.
Dabei wird man — um eine auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens viel besprochene
Frage zu berühren — dem Staate von vornherein das Recht zugestehen müssen,
überall da einzugreifen, wo der Gemeinsinn nicht stark genug ist, egoistische Sonder
bestrebungen zu unterdrücken.
Im einzelnen möchte ich hier noch die Forderung hervorheben, daß die Träger
der alten und der neuen Aufgaben sich immer mehr gegenseitig verstehen und achten
lernen, mehr, als dies im allgemeinen zurzeit der Fall ist. Die Überschätzung des
eigenen und die Unterschätzung des fremden Berufes ist heute noch weit verbreitet.
Dazu kommt ferner die Forderung, daß sich innerhalb desselben Berufes die ver
schiedenen Verzweigungen und die verschiedenen Stufen wirklich in ihrer gegenseitigen
Bedeutung anerkennen.
Was hier noch zu tun ist, zeigt sich am besten, wenn man die tatsächlichen Be
ziehungen der Vertreter des Wirtschaftslebens und der Vertreter der sog. gelehrten
Berufe betrachtet, die ja gewissermaßen die beiden Enden in der Kette unserer Berufs
stände bilden. Wie fremd stehen jene oft den Aufgaben und Leistungen der reinen
Wissenschaft und Kunst gegenüber, — anderseits ist weder bei der Eröffnung des
Nordostseekanals noch bei der Übergabe der Brücke bei Müngsten der Ingenieure,
welche diese Riesenwerke geschaffen haben, mit einem Worte gedacht worden.
Der Aufwand von Verstand und Willen im wirtschaftlichen Leben ist mindestens
ebensogroß wie in der reinen Wissenschaft, man denke z. B. bloß an die Kette von
Überlegungen, die ein Großkaufmann nötig hat, um etwa nur den wahrscheinlichen
Preis des nordamerikanischen Weizens in Deutschland für eine bestimmte Zeit fest
zustellen, und an die Handlungen, welche dieser Überlegung folgen müssen. Schon
Goethe sagt uns: „Ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter
fein müßte als der Geist eines echten Handelsmannes" ff. oben S. 52s. Und
wie find seitdem die Anforderungen gewachsen! Freilich kommt es ja nicht bloß
auf eine reiche Entfaltung des Verstandes und auf eine mächtige Äußerung des
Willens an, es handelt sich auch darum, Bleibendes zu schaffen. Nun, aus dem
Wirtschaftsleben heraus ist ja gerade die Wissenschaft erwachsen, welche wir als
Wirtschaftslehre bezeichnen, und ich stehe nicht an zu behaupten, daß sie an ihre
Jünger in jeder Beziehung die höchsten wissenschaftlichen Anforderungen stellt, die
überhaupt denkbar sind. Aber das Gemüt! Und der Idealismus! Was heißt
Idealismus? Ideal ist nur eines in der Welt, nämlich die selstlose
Arbeit im Dienste einer Idee. Finden wir mehr Idealismus bei den
Spezialisten der Wissenschaft oder bei den Vertretern des Wirtschaftslebens? Ich