3, Weltwirtschaft und Nationalerziehung.
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Denn wie sah es damals, im Jahre 1808, in Preußen aus? Wir alle wissen, schlimm
genug! Der Staat Friedrichs des Großen, von Napoleon auf das tiefste gedemütigt und zu
Boden geworfen, war ein Spielball in den Händen dieses kriegsgewaltigen, dämonischen
Mannes; der Frieden von Tilsit hatte Friedrich Wilhelm HI. seine schönsten Provinzen uno
S Millionen Untertanen gekostet; kein Hoffnungsstern leuchtete am Himmel unseres Vater
landes, und selbst manche der Besten verloren den Mut und verzweifelten an der Zukunft
ihres Volkes.
Sollte es da wirklich nur ein bloßer Zufall sein, daß die Königin Luise sichl auch in
dieser „Zeit der schweren Not" freudig zu dem bergeversetzenden Idealismus unseres Schiller
bekennt, der ihr von allen Klassikern innerlich wohl am nächsten stand, und dem sie vor
vielen anderen ein volles reifes Verständnis und eine geradezu begeisterte Verehrung ent
gegenbrachte? Ach nein! Der an Leib und Seele zerschlagenen Landesmutter wäre schon
damals das Herz gebrochen, wenn es sich nicht mehr hätte aufrichten können an dem uner
schütterlichen Vertrauen auf den endlichen Sieg der Ideen des Guten, des Wahren und des
Schönen auch auf Erden. „Es kann nur gut werden in der Welt durch die
Guten", meint sie selbst einmal bei einer anderen Gelegenheit, und von der gleichen Über
zeugung sind auch ihre Worte getragen: „Auf dem Wege des Rechtes leben,
sterben und, wenn essein muß, Brot und Salz essen, das ist unser
fester Vorsatz". Spricht aus diesen schlichten Worten nicht der ganze herbe Stolz der
selben Gesinnung, die wir auch an einem anderen Großen, dem Denker von Königsberg,
Immanuel Kant, immer wieder von neuem bewundern, dem Verkündiger der imposanten
Lehre vom kategorischen Imperativ der Pflicht, der einmal schreibt: „Wenn die Gerechtigkeit
untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben?"
So wollen auch wir in dieser feierlich-ernsten Stunde geloben, die Fahne des Idealismus
jetzt und immerdar hochzuhalten, hochzuhalten gegenüber einem das Haupt frech erhebenden
zügellosen Materialismus, der an die Stelle von Ewigkeitswerten seine eigenen Götter setzen
möchte, der uns Steine statt Brot bietet, der das Herz kalt und leer und arm macht, der
den Geist tötet, der sich an unsere niedrigsten Leidenschaften wendet:
Er betöret die Menge,
Die blöde, die enge,
Die gestern wie heute
Eine sichere Beute
Ist der gleißenden Gaukler,
Der Gedankenschaukler,
Der losesten Schwätzer,
Der bösesten Hetzer.
Wie jedermann weiß, wär' die Herrschaft der Massen,
Des Pöbels auf den Straßen und Gassen,
Der Volksverführer töricht' Gebot
Für unsere ganze Kultur der Tod,
Der Tod für alles geistige Streben,
Für Kunst und Sitte, fürs staatliche Leben.
Gesetz und Freiheit im rechten Verein!
Das soll auch in Zukunft die Losung sein,
Das Ziel im Kampf um die höchsten Güter
Der Menschheit: wir wollen treue Hüter
Und Pfleger der Ideale bleiben
Im Denken und Handeln, im Reden und Schreiben.
Gewiß, im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität, des Großkapitalismus und
der Großindustrie, der Weltwirtschaft und des Weltverkehrs liegt die Gefahr nur zu nahe,
"aß wir über dem Zeitlichen immer mehr das Zeitlose vergessen, daß wir von unseren
ewigen Zielen und Aufgaben immer mehr abgelenkt werden.