Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

446  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  I.  .Weltwirtschaft.

Aber,  wie  heißt  es  doch  bei  Goethe?
„Das  erste  steht  uns  frei,  beim  zweiten  sind  wir  Knechte",
und  weiter:
„Wär'  nicht  das  Auge  sonnenhaft,
Die  Sonne  könnt'  es  nie  erblicken;
Lag'  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft,
Wie  könnt'  uns  Göttliches  entzücken?"
Wohlan  denn,  so  lassen  Sie  uns  mit  der  Arbeit  an  unserem  inneren  Menschen  beginnen, ­
  ehe  es  Nacht  wird,  da  niemand  mehr  wirken  kann;  lassen  Sie  uns  aber  auch  der
heiligen  Pflicht  eingedenk  sein,  die  wir  gegen  unsere  Kinder  haben,  —  das  köstlichste  Gut,  das
uns  anvertraut  ist,  —  für  deren  zeitliches  und  ewiges  Heil  wir  mitverantwortlich  sind.
Es  wäre  geradezu  verwunderlich,  wenn  die  Königin  Luise,  die  warmherzige  Verehrerin
Pestalozzis,  sich  über  diese  unendlich  wichtige  Frage  —  eine  der  Lebensfragen  eines  jeden
Volkes  —  nicht  irgendwie  geäußert  hätte.  Denn  es  gibt  wohl  nur  wenige  Fürstinnen,  die
ein  so  glückliches  Familienleben  geführt  haben,  und  die  so  innig  liebende  und  so  innig
wieder  geliebte  Frauen  und  Mütter  gewesen  sind,  wie  sie  es  war.  Und  so  finden  wir  denn
in  der  Tat  bei  ihr  zwei  Aussprüche,  so  einfach  und  so  schmucklos,  aber  auch  so  bezeichnend
und  so  treffend,  daß  sie  es  verdienen,  hier  wörtlich  wiedergegeben  zu  werden.  Sie  lauten:
„Unsere  Kinder  sind  unsere  Schätz  e",  und  „M  eine  Söhne,  lasset  Euch
nicht  von  der  Entartung  des  Zeitalters  hinreißen,  werdet  Männer".
„Unsere  Kinder  sind  unsere  Schätz  e".  Schätze  hütet  man  vor  allem,  was
ihnen  ihre  Reinheit  und  Schönheit  nehmen  und  ihren  Glanz  und  ihr  Feuer  verdunkeln  kann.
Haben  wir  unsere  Kinder  immer  vor  dem  Bösen  behütet,  vor  den  mannigfachen  Versuchungen,
die  —  oft  in  verführerischer  Gestalt,  in  Wort  oder  Schrift  —  an  sie  herangetreten  sind?
Sind  wir  selbst  ihnen  immer  ein  Vorbild  gewesen,  zu  dem  sie  voll  Ehrerbietung  emporblicken ­
  können?  Haben  wir  die  Schule  in  ihrer  Arbeit  immer  so  unterstützt,  daß  die  Saat,
die  sie  ausstreut,  auch  hundert-  und  tausendfältige  Frucht  bringen  konnte?  Die  Frucht  der
Gottesfurcht,  der  Menschenliebe,  des  Respekts  vor  den  Gesetzen  und  vor  der  Obrigkeit,  der
unbedingten  Wahrhaftigkeit  und  der  hingebendsten  Treue?  —  So  viel  bestimmte  Fragen,
so  viel  unbestimmte  und  ausweichende  Antworten!  Und  doch  müssen  auf  dem  Gebiete  der
Jugenderziehung  alle  Kräfte  in  Schule  und  Haus,  in  Staat  und  Gemeinde  zusammenwirken,
denn  es  handelt  sich  hierbei  zuguterletzt  um  nichts  Geringeres  als  um  unsere  ganze  Zukunft,
um  unser  ganzes  Dasein:  nur  ein  tüchtiges  heranwachsendes  Geschlecht  kann  erwerben  und
besitzen,  was  es  von  seinen  Vätern  ererbt  hat.
Und  so  rufe  ich  denn  namentlich  unseren  Jünglingen  zu:  „Werdet  Männer",
Persönlichkeiten,  Individualitäten,  keine  bloßen  Nummern,  aber  auch  keine  Herrenmenschen!
Lasset  aus  dem  Altar  Eueres  Herzens  lodern  die  Flamme  der  Begeisterung  für  die  Helden
des  Schwertes  und  der  Feder,  die  für  ein  freies,  einiges  und  mächtiges  Deutschland  gelitten
und  gestritten  haben,  für  Männer  wie  Körner,  Blücher,  Scharnhorst  und  Stein,  wie  Arndt,
Jahn  und  Uhland,  wie  Wilhelm  I.,  Bismarck  und  Moltke.
Meine  Damen  und  Herren!  Einem  Moses  war  es  vergönnt,  das  gelobte  Land
wenigstens  aus  der  Ferne  zu  schauen;  die  Königin  Luise  mußte  die  müden  Augen  für
immer  zu  einer  Zeit  schließen,  wo,  wie  sie  selbst  einmal  meint,  Gott  den  zu  sich  nimmt,  den
er  liebhat.  60  Jahre  nach  ihrem  Tode,  am  19.  Juli  1870,  rief  ihr  Sohn  sein  Volk  zu  den
Waffen,  zum  Kampfe  gegen  Frankreich,  zum  Kampfe  für  die  Wiederaufrichtung  des  Deutschen
Reiches.  „Welch  eine  Wendung  durch  Gottes  Fügung!"  so  können  wir,  voll
heißen  Dankes  gegen  des  Himmels  gnädige  Führung,  mit  ihm,  dem  ersten  Deutschen  Kaiser
aus  dem  Haufe  der  Hohenzollern,  ausrufen:  wir,  die  glücklichen  Epigonen,  die  Bürger  eines
Reiches,  das  im  Rate  der  Völker  geachtet  dasteht,  das  da  reich  ist  „an  den  Gütern  und  Gaben
des  Friedens  auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung!"
Möchten  wir  —  und  damit  will  ich  schließen  —  möchten  wir  beherzigen  und  wahr
machen  die  Worte  der  „deutschesten  der  deutschen  Frauen":  „Wer  liebt,  der  lebt,  und
nur  der  lebt,  der  liebt,  das  ist  mein  Wahlspruch,  mit  dem  ich  lebe
und  st  e  r  b  e."  Das  walte  Gott.  —  G.  M.
            
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