Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

448  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  I.  Weltwirtschaft.

Die  Diskussion  über  die  Handels-  und  kolonialpolitischen  Probleme  hat  das  Gute
gehabt,  daß  sie  vielen  die  unendliche  Wichtigkeit  unserer  auswärtigen  Wirtschaftsbeziehungen ­
  zum  Bewußtsein  gebracht  und  ihnen  insbesondere  gezeigt  hat,  ein  wie
enger  Zusammenhang  zwischen  der  äußeren  Wirtschaftspolitik  und  der  Sozialpolitik
besteht.  Unser  Wohlstand  nimmt  desto  mehr  zu,  und  die  Verteilung  der  Güter  wird
desto  gerechter,  je  mehr  wir  am  Weltverkehr  teilnehmen.  Die  sozialen  Klassen,  die
sich  jetzt  um  das  unzulängliche  und  verhältnismäßig  karge  Produkt  des  deutschen
Bodens  so  erbittert  streiten,  müssen  einsehen  lernen,  daß  sie  viel  besser  daran  tun,
zusammenzustehen  und  mit  vereinten  Kräften  dem  deutschen  Volke  nach  außen
hin  in  jenen  weiten  Gebieten,  die  noch  der  wirtschaftlichen  Nutzbarmachung  harren,
freie  Bahn  zu  schassen.  Durch  einen  intensiven  ungestörten  weltwirtschaftlichen
Verkehr  wächst  der  Lebensspielraum  im  Vaterlands  selbst;  und  den  Auswanderungslustigen ­
  kann  eine  kraftvolle  Weltpolitik  über  See  eine  neue  Heimat  sichern,
in  der  sie  dem  Deutschtum  erhalten  bleiben.  So  sorgt  die  Mutter  Germania
am  besten  für  die  Lebensnotdurft  der  Millionen  alljährlich  von  ihr  ins  Dasein
gerufenen  Kinder.  Auch  die  jetzigen  grundsätzlichen  Gegner  deutscher  Weltpolitik
können  sich  auf  die  Dauer  der  Erkenntnis  nicht  verschließen,  daß  die  Lösung  der
inneren  sozialen  Probleme  durch  eine  zweckmäßige  äußere  Wirtschafts-  und  Machtpolitik, ­
  insbesondere  durch  eine  großzügige  Kolonialpolitik,  außerordentlich  erleichtert
wird.  Schon  Roscher,  der  nüchterne  und  gewissenhafte  Gelehrte,  hat  betont,  daß  auf
dem  Gebiete  der  Kolonialpolitik  „zukunftsschwangere  Fragen  liegen,  die  unsere
meisten  anderen,  jetzt  so  viel  behandelten  Staats-  und  Gesellschaftsfragen  weitaus  an
Wichtigkeit  übertreffen,  ja  die  richtige  Lösung  der  letzteren  haupsächlich  bedingen".
Die  Weltpolitik  entspricht  den  besten  Traditionen  des  deutschen  Volkes.  Der
Geist  der  alten  Hanseaten  muß  wieder  die  ganze  Nation  durchdringen.  Dann  wird
auch  die  „Seeluft"  allerwärts  ihre  befreiende  Wirkung  zeigen.  Das  Weltmeer  ist  ein
großer  Erzieher.
„Aus  dem  endlosen  Horizont  des  Ozeans  wächst  ein  großer  Zug  von  Kühnheit,
Ausdauer  und  Fernblick  in  den  Geist  und  Charakter  der  Seevölker  hinein.  Seevölker
haben  am  wesentlichsten  mit  beigetragen  zur  Vergrößerung  der  politischen  Maßstäbe.
Die  enge  territoriale  Politik  ist  ihrem  Wesen  nach  kurzsichtig:  das  Meer  erweitert  den
Blick  nicht  bloß  des  Kaufmanns,  sondern  auch  des  Staatsmanns.  Nur  das  Meer
kann  wahre  Weltmächte  erziehen."  (Ratzel.)
Sicher  gehen  wir,  wenn  wir  ein  großes  Volk,  eine  Weltmacht  sein  und  bleiben
wollen,  ernsten  Kämpfen  entgegen.  Aber  das  darf  uns  nicht  schrecken.  Es  liegt  eine
tiefe  Wahrheit  in  dem  Worte,  daß  der  Mensch  im  Frieden  verkümmert.  Häufig  bedarf ­
  es  des  Kampfrufs,  um  die  träge  Welt  wieder  einmal  aus  Stumpfheit  und  Weichlichkeit ­
  aufzurütteln.  Der  Völkerkampf  hat  sich  dem,  der  weit  und  tief  zu  blicken  vermag, ­
  oft  als  ein  Segen  für  die  Menschheit  erwiesen.  Er  bedeutet,  wie  Erich  Marcks
kürzlich  sagte,  „das  Leben  und  die  Energie.  In  Deutschland  hat  der  Kampf  sich  immer
als  den  großen  Schöpfer  auch  innerlicher  Neubildung  in  Staat,  Gesellschaft,  Wirtschaft,
in  aller  Kultur  erwiesen.  Der  Imperialismus  der  neuesten  Tage  zieht  die  Blicke
überall  ins  Weite  und  Helle,  er  entfesselt  und  steigert  die  Kräfte  und  die  Kraft  überall;
er  muß  die  Arbeit  überall  wichtiger,  die  Luft  stärker  und  freier,  das  Selbstgefühl
stolzer  und  kühner  machen.  Von  diesem  starken  Erzieher,  so  scharf  und  hart  er  sei,
von  seiner  schöpferisch  weiten  Phantasie  und  seinem  realistisch  herben  Willen,  von
seiner  ganzen  gewaltigen  Mannhaftigkeit  darf  der  Historiker  freudig  erhoffen,  daß
auch  an  seine  Sturmfahne  der  innere  Segen  für  unsere  Welt  und  unser  Volk  sich
hefte".
Schon  in  den  traurigen  Tagen  des  Deutschen  Bundes,  vor  60—70  Jahren,
hat  ein  so  weltkundiger  und  weitsichtiger  Mann  wie  Friedrich  List  das  deutsche
            
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