458 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. I. Weltwirtschaft.
Neben Westafrika scheinen vor allem Britisch- und Deutsch-Ostafrika sowie
Britisch-Zentralafrika günstige Aussichten zu bieten, und zwar namentlich für die Pro
duktion einer der ägyptischen Baumwolle nahekommenden Qualität. Es wird
namentlich in England viel bemerkt, daß — während bisher alle Versuche, die
ägyptische Baumwolle in Amerika oder Indien zu naturalisieren, gescheitert sind —
die ägyptische Baumwolle in Ostafrika ihre charakteristische und wertvolle Eigenschaft,
den langen und seidenartigen Stapel, behält. Eine Baumwollprobe aus Deutfch-Ost-
afrika wurde von der Liverpooler Baumwollbörse als „the best Egyptian Sub
stitute ever produced“ bewertet.
Abgesehen von den beiden genannten Länderkomplexen, kommen für die Ver
suche mit Baumwollkulturen in dem großen „Cotton Belt“ natürlich noch zahlreiche
andere Gebiete in Betracht; für die Engländer vor allem Westindien, woher vor
hundert Jahren England die Hälfte seines Bedarfs an Rohbaumwolle bezog; für
Deutschland außerhalb seines eigenen Kolonialreichs vor allem gewisse Gebiete in
Kleinasien, in denen wir heute schon größere wirtschaftliche Interessen haben.
Kurz, es ist ein gewaltiges und aussichtsvolles Feld, das der Tätigkeit der
europäischen Baumwollvereinigungen offensteht. Aber auch darüber darf man sich
wohl keinen Illusionen hingeben, daß es großer Aufwendungen sowie einer aus
dauernden und planmäßigen Arbeit bedürfen wird, um dieses Feld für die euro
päische Baumwollindustrie nutzbar zu machen.
Das deutsche Kolonialwirtschaftliche Komitee darf stolz darauf fein, daß es nicht
nur den Anstoß zu der wirksamen Organisation der kolonialen Baumwollkulturver-
suche gegeben hat, sondern daß es auch mit seiner Arbeitsmethode — namentlich in
Westafrika — vorbildlich gewirkt hat. Dieses große Verdienst wird auch vom Aus
lande neidlos anerkannt.
Das System, nach welchem das Kolonialwirtschaftliche Komitee bisher in Togo
gearbeitet hat, und das in seinen wesentlichen Zügen von den Engländern und Fran
zosen in ihren westafrikanischen Besitzungen adoptiert worden ist, geht darauf hinaus,
den Baumwollanbau als Eingebornenkultur, d. h. als Kleinkultur der ackerbautrei
benden Eingeborenen, einzuführen, und zwar unter Zuhilfenahme amerikanischer
Neger, die theoretisch und praktisch in der Baumwollkultur ausgebildet sind. Einige
solche Baumwollexperten sowie die notwendige maschinelle Ausrüstung wurden von
dem unter der Leitung des bekannten BookerWafhington stehenden Tuskegee
Normal and Industrial Institute in Alabama beschafft.
Im November 1900 trat die erste Baumwollexpedition des Kolonialwirtschaft
lichen Komitees ihre Ausreise nach Togo an. Ihre Aufgabe war eine vorbereitende;
sie sollte die Möglichkeit einer rationellen Baumwollkultur als Eingeborenenkultur in
Togo feststellen und gegebenenfalls die Marktfähigkeit des Produkts für die deutsche
Industrie nachweisen. Die Aufgabe wurde gelöst durch die Errichtung einer Versuchs
und Lehrstation in Tove, im Zentrum des für den Baumwollanbau in Betracht
kommenden Gebiets, und durch die Errichtung einer Anzahl von kleineren Versuchs
farmen bei den einzelnen Regierungsstationen, deren Leiter angewiesen waren, den
Bestrebungen der Expedition jede mögliche Förderung angedeihen zu lassen. Die
Pflanzung in Tove stellte in zahlreichen Versuchen die günstigste Pflanzzeit fest und
ermittelte die für den Anbau sich am besten eignenden Varietäten; sie zog ferner Ein
geborene aus den verschiedensten Teilen der Kolonie heran, um sie in der Anwendung
rationeller Kulturmethoden, im Gebrauch von Pflug, Ginmaschine und Presse usw.
zu unterweisen. Auf Grund der Erfahrungen der Versuchspflanzung in Verbindung
mit denjenigen der Stationsfarmen konnte das Komitee die Ergebnisse des ersten
Versuchsjahres (1901) dahin zusammenfassen, daß das für den Baumwollanbau ge
eignete Areal der Kolonie Togo an Ausdehnung ungefähr dem Baumwollarsal