1. Der Übergang Deutschlands vom Agrarstaate zum Industriestaats. 465
In diesem beschleunigten Anwachsen der Exportindustrie haben wir die Haupt
ursache dafür zu erblicken, daß auch nach 1871 die Zunahme des industriellen auf
Kosten des agrarischen Deutschland noch weitere Fortschritte gemacht hat. Nach 1870
liegen also die Wurzeln dieser Erscheinung nicht mehr hauptsächlich in den inneren
deutschen Verhältnissen, sondern sie sind in erster Linie zu suchen in der Gestaltung
der Handelsbeziehungen zum Auslande. Daneben hat sich allerdings auch nach 1870
der Prozeß des Aufhörens der gewerblichen Eigenproduktion und der Ersetzung
organisierter durch unorganisierte Materie noch weiter fortgesetzt. In der letzteren
Beziehung sei nur an die gewaltige Entwicklung der chemischen Industrie seit 1870
erinnert, die zu einem nicht geringen Teile, wie z. B. bei der Verdrängung der von
der Landwirtschaft angebauten Farbpflanzen durch die aus dem Steinkohlenteer ge
wonnenen Farbstoffe, mit dem zuletzt erwähnten Vorgang zusammenhängt.
Die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zum Auslande haben indessen
nicht bloß auf dem Wege der Ausbreitung des Exportindustriesystems den Übergang
Deutschlands zum überwiegenden Industriestaat gefördert. Betrachtet man die
neueste ökonomische Entwicklung Deutschlands lediglich unter dem Gesichtspunkte des
Übergangs zum Exportindustrialismus, so stößt man auf eine mit dieser Annahme
in keiner Weise zu vereinigende Tatsache, nämlich die Tatsache, daß unsere Produktion
auf industriellem Gebiete offenbar schneller wächst als unsere Ausfuhr an Fabrikaten,
und daß demgemäß unsere Fabrikatenausfuhr einen abnehmenden Teil unserer
industriellen Produktion darstellt. Hier liegt ein Wachsen der Aufnahmefähigkeit des
inneren Marktes der deutschen Volkswirtschaft vor, das aber aus den vorhin erörterten
primären Ursachen der wachsenden Industrialisierung und auch aus der Zunahme des
Volkswohlstandes, die einen steigenden Teil des Einkommens für Jndustrieerzeugnifse
auszugeben gestattete, allein nicht erklärt werden kann. So sehr diese Erscheinung
vom Standpunkte des Exportindustriesystems ein unlösbares Rätsel bleibt, so einfach
gestaltet sich ihre Erklärung vom Standpunkte des Exportkapitalismus aus.
Deutschland war bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ein kapitalarmes Land,
und einen großen Teil des Kapitals, das es zum Bau seiner Eisenbahnen und der
städtischen Pferdebahnen, für Gas- und Wasserwerke und andere Unternehmungen
brauchte, lieh es damals von seinen reicheren Nachbarstaaten im Westen, insbesondere
von England und Belgien. Infolgedessen mußte es dem Auslande Zinsen bezahlen.
Die Ausgleichung solcher Forderungen geschieht aber bekanntlich in der Regel nicht
durch bares Geld, sondern durch Warensendungen. Bis 1870 ist die deutsche Handels
bilanz daher meist noch aktiv, sie zeigt einen Überschuß der Warenausfuhr über die
Wareneinfuhr. Nach dem deutsch-französischen Kriege schlägt dieses Verhältnis in
sein Gegenteil um, zunächst vor allem unter dem Einfluß der Kriegskostenentschä
digung von 5 Milliarden, die Frankreich an Deutschland zu zahlen hatte, und die einen
gewaltigen Warenstrom nach Deutschland führte. Dauernd passiv ist die Handels
bilanz Deutschlands aber erst seit 1889 geworden, und die Erscheinung steht in engem
Zusammenhang mit der erst 1888/89 erfolgten Aufnahme der Hansastädte Bremen und
Hamburg in das Deutsche Zollgebiet. Zugleich aber hat bei der immer stärker werden
den Passivität der deutschen Handelsbilanz der Umstand mitgewirkt, daß Deutschland
im letzten Menschenalter immer mehr aus einem Schuldnerstaat in einen Gläubiger
staat sich umwandelte. Namentlich seit dem Ende der achtziger Jahre ist die Aus
wanderung deutschen Kapitals in das Ausland eine ganz regelmäßige und stetig grö
ßere Bedeutung gewinnende Erscheinung geworden.
schnitte dieser vier Jahre die Einfuhr um 3139 Millionen M. Statistisches Jahrbuch
für das Deutsche Reich. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte. 32. Jahr
gang 1911. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht, 1911. S. 205. — G. M.
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl.
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