466 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
Durch die Zinsenansprüche, die Deutschland für das geliehene Kapital an das
Ausland zustehen, konnte seine Handelsbilanz ohne Schaden immer stärker passiv
werden. In den Jahren 1904/06 betrug die Spannung zwischen Einfuhr und Aus
fuhr gegen 1700 Millionen M durchschnittlich.*) Zur Bezahlung dieses Defizits des
deutschen Außenhandels stand aber neben den Einnahmen der Reederei und der See
versicherung usw. ein Zinsguthaben Deutschlands an das Ausland zur Verfügung,
dessen Höhe von sachverständiger Seite auf lYz Milliarden Ji geschätzt worden ist.
Dieses Zinsguthaben fließt, soweit es nicht gleich wieder zur Kapitalanlage im Aus
lande verwendet wird, Deutschland hauptsächlich in Gestalt von ausländischen Nah
rungsmitteln und Rohstoffen für die Industrie zu. Und Deutschland erhält auf diese
Weise durch das im Auslande angelegte deutsche Kapital die Möglichkeit, eine größere
industrielle Bevölkerung zu unterhalten, als es sonst ernähren könnte. Wenn ein
Land Rohstoffe und Nahrungsmittel vom Auslande geliefert bekommt, und wenn es
gleichzeitig selbst über das nötige Kapital und die erforderlichen Arbeitskräfte verfügt,
so besitzt es alle Bedingungen für die Vergrößerung seiner Industrie. In dieser Lage
befindet sich Deutschland. Daraus erhellt, daß das rasche Anwachsen unserer Industrie
in den letzten Jahrzehnten nicht bloß auf das Anschwellen unseres Fabrikatenexports
zurückzuführen ist, sondern daß es zu einem wesentlichen Teil auf der Zunahme des
im Auslande angelegten Kapitals beruht. Zugleich aber ist hiernach klar, daß das
Steigen der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes in diesem Falle keine Zunahme
der wirtschaftlichen Selbständigkeit Deutschlands, sondern nn Gegenteil sich steigernde
Abhängigkeit vom Auslande bedeutet.
2. Die Gefahren des Industriestaates.
Von Karl Oldenberg.
Oldenberg, Deutschland als Industriestaat. Vortrag. Göttingen, Vandenhoeck und
Ruprecht, 1897. S. 4—6 und S. 31—33.
Jede Volkswirtschaft ist ein Organismus, der seinen Schwerpunkt in sich selbst zu
gewinnen sucht. Dieser Schwerpunkt aber hängt ab von einem gewissen Gleichgewicht
der Bestandteile. Vor zwei bis drei Menschenaltern war Deutschland noch beinahe
Agrarstaat. Die Jndustriefabrikate, deren es bedurfte, tauschte es großenteils vom
Auslande, namentlich von England und Frankreich, unvorteilhaft ein. Da begann
die große Agitation für Schaffung einer eigenen Industrie Deutschlands. Friedrich
List, der große Schutzzöllner, verglich die deutsche Volkswirtschaft mit dem Körper
eines arbeitenden Mannes, der nur einen natürlichen Arm besitzt, die Landwirtschaft,
und auf der andern Seite, für seinen industriellen Bedarf, sich mit einem künstlichen
Arm behelfen muß. Er wollte, daß dieser deutsche Mann sich seinen zweiten natür
lichen Arm wachsen lassen sollte, und wies neidisch auf den englischen Nachbar hin,
der damals zwei Arme hatte. Inzwischen ist England unversehens so weit fortge
schritten, daß es heute nur wieder einen Arm hat, nur auf der andern Seite wie früher.
Es braucht für seinen landwirtschaftlichen Bedarf den künstlichen Arm der Getreide
einfuhr. Einen großen Staat, mit nur einem industriellen Arm, wie England heute,
kannte man damals überhaupt nicht. Man strebte zur Vollständigkeit, zur Zwei-
armigkeit, zur volkswirtschaftlichen Selbständigkeit. So lenkte auch Deutschland in
*) In den Jahren 1907—1910 machte die Spannung zwischen Einfuhr und Ausfuhr
durchschnittlich 1640 Millionen M aus. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche
R e i ch a. a. O. — G. M.