Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

20  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

wenn  sie,  wie  hier,  einem  großen  nationalen  Zwecke  mit  der  ganzen  idealistischen
Selbstvergessenheit  und  Uneigennützigkeit  einer  deutschen  Natur  sich  hingab.
Aber  freilich  lag  gerade  darin  ein  natürlicher  Grund  des  Widerstandes  und  der
Verkennung.  Eine  handelnde  Persönlichkeit  war  ohnedies  in  Deutschland  etwas  Ungewöhnliches; ­
  wenn  sie  nun  gar  gegen  alles  Herkommen  und  alle  Überlieferungen  der
Schreibstuben  und  Schulzimmer  grob  verstieß,  so  war  des  Ärgers  und  Widerspruchs
kein  Ende.  Daß  ein  deutscher  Gelehrter  sich  einem  öffentlichen  Interesse  mit  ganzer
Seele  hingab  und  ein  praktisches  Ziel  auf  dem  Gebiete  der  materiellen  Dinge  sich  als
fein  Ideal  vorgesetzt  hatte,  war  etwas  so  Ungewöhnliches  und  Unverstandenes  in
Deutschland,  daß  man  lieber  mit  dem  ordinärsten  Maßstabe  maß  und  die  gemeinsten
Motive  unterlegte,  als  daß  man  sich  das  Ungewöhnliche  und  Bedeutende  der  Erscheinung ­
  eingestanden  hätte.  Auch  billig  Denkende  klagten  über  Einseitigkeit,  als
wenn  eine  Agitation  anders  als  einseitig  wirken  könnte;  und  ruhige,  friedliebende
Leute  tadelten,  daß  er  so  heftig  nach  allen  Seiten  hin  auftrat  und  nirgends  bedacht
war,  sich  Freunde  und  Verbündete  zu  werben.  Alle  demagogischen  Künste  und
Kunstgriffe  freilich  verschmähte  seine  Agitation;  es  war  darin  der  direkte  Gegensatz
der  Demagogie  gewöhnlichen  Schlags:  er  schalt,  statt  zu  schmeicheln,  zürnte,  statt  zu
liebkosen,  und  setzte  sich  —  statt  den  Schwächen  zu  fröhnen  —  denjenigen  Übeln  Gewohnheiten, ­
  die  in  der  deutschen  Nation  am  tiefsten  gewurzelt  waren,  am  lautesten
und  schroffsten  entgegen.  Mit  allem  Recht;  denn  wie  schon  bei  seinem  Tode  jemand
sehr  treffend  sagte,  die  Hebel,  welche  die  Masse  bewegen,  sind  nicht  mit  Baumwolle
gefüttert.  Aber  auch  das  kluge  Maß  der  Schonung  und  Vorsicht,  das  die  Worte  abwägt ­
  und  überall  um  des  versöhnenden  Eindrucks  willen  die  Kraft  des  Stoßes
mildert,  kannte  List  nicht  und  konnte  es  nicht  kennen.  Seine  Bildung  war  eine  autodidaktische;
  die  Stellung  im  Leben  hatte  er  sich  allein  errungen.  Aus  der  Heimat  in
die  Verbannung  geschleudert,  schuf  er  sich  mit  rüstiger  Kraft  ein  neues  selbständiges
Leben;  und  als  ihm  auch  das  zerstört  war,  errang  er  sich  eine  neue  Existenz,  immer
im  Kampfe  und  unter  Anfechtungen,  lediglich  durch  die  eigene  Kraft.  Selbständige
Naturen  dieses  Schlags,  die  sich  den  Weg  durchs  Leben  erst  selber  haben  bahnen
müssen,  und  die  niemanden  zu  Dank  und  Dienst  verpflichtet  sind,  werden  immer  so
geartet  sein.
In  anderen  Ländern,  wo  ein  öffentliches  Leben  seit  lange  entwickelt  ist,  hätte
man  die  Energie  eines  schöpferischen  Geistes,  der,  um  Rücksichten  unbekümmert,
immer  fest  auf  sein  Ziel  lossteuert,  besser  zu  würdigen  wissen;  in  Deutschland  waren
für  das  alles  erst  die  Wege  zu  ebnen.  In  Deutschland  mußte  man  die  altkluge  Bemerkung ­
  hören,  daß  das  deutsche  Eisenbahnnetz,  die  Entwicklung  des  Zollvereins  usw.
auch  ohne  List  hätte  kommen  müssen:  es  war  der  alte  Einwand,  den  schon  Kolumbus
durch  sein  Kunststück  mit  dem  Ei  gewürdigt  hat.  In  Deutschland  war  einmal  der
Tadel  der,  daß  sein  System  eine  unbegründete  Neuerung  sei,  ein  andermal  lautete
der  Vorwurf  dahin,  es  sei  schon  alles  in  frühern  Büchern  gedruckt  zu  lesen,  —  ein
Vorwurf,  der  sich  bis  zur  Abgeschmacktheit  gesteigert  hat.  Die  Tadler  vergaßen  den
Unterschied  zwischen  einem  Systematiker  und  einem  praktischen  Agitator;  sie  vergaßen, ­
  daß  das  Ziel  des  letzteren  nicht  der  Ausbau  eines  Systems,  sondern  ein  praktisches, ­
  politisches  Ziel  sein  mußte,  und  daß  die  vortrefflichsten  Systeme  der  Welt  von
zweifelhaftem  Werte  sind,  wenn  sie  das  ökonomische  Interesse  der  Nation  schlummern
lassen  und  an  der  politischen  Erziehung  des  Volkes  spurlos  vorübergehen.  Daß  sich
von  den  handelspolitischen  Grundsätzen  Lifts  vieles,  vielleicht  das  meiste  schon  irgendwo
gedruckt  oder  gesagt  fand,  konnte  doch  wohl  kein  ernstlicher  Vorwurf  sein;  es  ist  noch
kein  Reformator  in  die  Welt  gekommen,  der  etwas  Neues  erfunden  hätte,  und  schon
Goethe  hat  zur  Abwehr  gegen  solche  Anklage  das  wahre  Wort  gesprochen:  „Alles
Gescheite  ist  schon  gedacht  worden;  man  muß  nur  versuchen,  es  noch  einmal  zu
            
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